96
I. Abteilung. Abhandlungen.
giösen Handlungsweise und Gesinnung gezeigt werden, an denen sie ihr Urteil
üben und durch die sie zur Nachahmung gereizt werden; wenn in Naturkunde
gelehrt wird, wie man durch Arbeit der Natur die materiellen Mittel abgewinnt,
die zur Verwirklichung idealer Ziele unentbehrlich sind; wenn in Gesang und
Zeichnen der Sinn für das Schöne gepflegt und in Lesen, Schreiben, Rechnen
die fürs Leben nötigen Fertigkeiten gelehrt werden; wenn der Unterricht auch in
letzteren Fächern, die keine ethischen Ziele direkt verfolgen, so eingerichtet wird,
daß dieselben wenigstens mittelbar zur Förderung des ethisch-religiösen Haupt
zieles beitragen, so kann eine günstige Wirkung auf die Charakterbildung nicht
ausbleiben. Es muß eben der gesamte Unterricht eine Schule des Wollens dar
stellen. Dazu ist nicht nur nötig, daß bei der Auswahl der vorzuführenden
Stoffe alles ausgeschieden werde, was für Wollen und Handeln bedeutungslos
ist und nur theoretischen, aber keinen praktischen Wert hat. Es ist vor allen
Dingen überall bei den Schülern auf Selbstthätigkeit zu dringen. Daher fordert
die neuere Pädagogik, daß in jeder Unterrichtslektion ein Problem, eine Aufgabe
an die Spitze gestellt werde, um dem Wollen ein Ziel zu geben; daß im An
schluß daran zunächst die im Schüler vorhandenen Vorstellungen gehoben und be
arbeitet werden; daß vermittelst derselben der neue Wissensstoff angeeignet werde;
daß das angeeignete Wissen durchdacht d. h. begrifflich bearbeitet werde; daß die
durch eigene Denkarbeit des Schülers gewonnenen Begriffe, Maximen, Regeln zu
einem einheitlichen Ganzen zusammengefaßt und endlich, daß sie auf das Thun
des Zöglings angewendet werden. So wird der Unterricht zu einer und zwar
der wichtigsten Veranstaltung für Charakterbildung, und nur in solchem Falle
verdient er den Namen erziehender Unterricht.
Es leuchtet nun auf den ersten Blick ein, wie nötig es zur Beförderung der
Selbstthätigkeit beim Schüler ist, daß man seine persönliche Eigenart, seine
Individualität genau kennt. Ohne solche Kenntnis kann man zwar Wissensstoffe
äußerlich d. h. dem Wortlaut nach einprägen und gewisse Fertigkeiten mechanisch
einüben, nicht aber den Vorstellungskreis des Schülers und dadurch sein Wollen
und Handeln beeinflussen. Zur Feststellung der Individualität eines Kindes
aber gehört psychologischer Scharfblick, erworben durch Studium der Psychologie
und durch fleißige Übung, und sodann eine fortlaufende Beobachtung des Schülers.
Nun frage man sich, ob ein Lehrer, dem man eine Halbtagsschule mit mehr als
hundert Kindern aufbürdet, der daneben vielleicht kümmerlich besoldet und mit
Nebenarbeiten überhäuft ist, sich diejenige Kenntnis der Schülerindividualitäten
verschaffen kann, die zur Erteilung eines wahrhaft erziehenden Unterrichts not
wendig ist. Beantwortet man diese Frage mit nein, so giebt man damit zu,
daß mehr als die Hälfte aller die preußischen Volksschulen besuchenden Kinder der
Wohlthaten eines solchen Unterrichts entbehren müssen.
Wie aber, wendet man ein, wenn sich nun erziehender Unterricht eben um

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.