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I. Abteilung. Abhandlungen.
Schulen aber sind ihrer Mehrzahl nach derart gestellt, daß Schülerzahl, Schul
zeit, Überbürdung des Lehrers und andre ungünstige Verhältnisse den erziehenden
Unterricht zu einer relativen Unmöglichkeit machen.
Damit ist unser obiges Urteil erst nach der negativen Seite hin begründet.
Positiv wurde behauptet, daß überfüllte Schulen und unvollkommene Schul-
einrichtungen nur Halbbildung zu erzeugen vermöchten. Auch über das Wesen
dieser herrschen die unklarsten Vorstellungen. Am häufigsten verwechselt man sie
mit Elementarbildung und mit lückenhafter Bildung. Wer z. B. kein Latein
oder Griechisch kennt, dem fehlt es nur an gelehrter Bildung; wer auf irgend
einem wesentlichen Gebiete des menschlichen Wissens gar nicht Bescheid weiß, etwa
die Natur oder die Geschichte seines Volkes nicht kennt, besitzt nur mangelhafte
Bildung. Beides ist nicht mit Halbbildung identisch. Das Wort „halb" weist
vielmehr darauf hin, daß sich in der Bildung des Menschen, wie sie ihm von
Familie, Schule und Leben gegeben wird, zwei Hälften voneinander abheben, und
daß derjenige halbgebildet ist, der nur eine dieser Hälften sein eigen nennt. Jene
Hälften sind auf der einen Seite der Wissensstoff als die Grundlage aller Bil
dung, auf der andern Seite geistige Gebilde, wie Begriffe, Urteile, Ideen, Maximen,
auch Gefühle und Willensentschlüsse, als die daraus sich entwickelnde Blüte und
Frucht unserer Bildung. Halbbildung besitzen also alle, deren Begriffswelt nicht
besteht aus selbsterworbenen, sondern aus angelernten Begriffen, denen die ent
sprechenden anschaulichen Grundlagen fehlen, jene Phrasenhelden, die aufgelesene
oder aufgeschnappte Gedanken als eigene zum besten geben, mit Gemeinplätzen um
sich werfen und mit schönen Grundsätzen prunken, die in ihrem Gemüte keine
Wurzel haben. Halbgebildet in diesem Sinne waren auf religiösem Gebiete die
Pharisäer zu Jesu Zeit ebensowohl, als unser modernes Pharisäertum, das den
Glaubenslehren einer Kirchengemeinschaft äußerlich und aus egoistischen Motiven
zustimmt, ohne innerlich davon durchdrungen zu sein. Solche Halbbildung be
saßen nicht bloß Hödel und Nobiling, sondern auch zahllose Gesinnungslumpen
unserer Zeit. 1 ) Die andre Art von Halbbildung ist minder gefährlich und
besteht darin, daß man beim bloßen Wissensstoffe stehen bleibt, ohne ihn in
geistige Kraft zu verwandeln. Halbgebildet in diesem Sinne sind jene Gedächtnis
menschen, die allerlei wissen, ohne damit als mit ihrem geistigen Eigentum frei
schalten zu können, und die deshalb trotz ihres Wissens nicht zum Wollen und
Handeln gelangen. Es ist also überall da Halbbildung vorhanden, wo Wissen
und Thun, Kenntnisse und Fertigkeiten, Worte und Thaten nicht in innigem Zu
sammenhange stehen und volle Übereinstimmung aufweisen.
Während nun diese Halbbildung durch die Zustände unseres öffentlichen und 9
9 Nicht mit Unrecht bezeichnete bei den Mädchenmorden der Gebr. Schenk in Wien
der Staatsanwalt Graf Lamezan diese Art von Halbbildung als die Ursache jener
Thaten.

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