Die Überfüllung Der Schulklassen in Preußen rc.
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Familienlebens, z. B. durch Wirtshausleben, oberflächliche Geselligkeit, zerrüttete
Familienverhältnisse oder auch durch planlose Befriedigung des Bildungsbedürf
nisses mächtig gefördert wird, sind andrerseits die Mächte lahm gelegt, die der
überwuchernden Halbbildung entgegenarbeiten könnten und sollten. Zu diesen
Mächten gehört auch die Schule. Wer sie und ihre gegenwärtigen Zustände
kennt, der wird beurteilen können, wie gewaltig sie zur Förderung der Halb
bildung beitragen muß. Für Unbildung wird ihr zu viel, für volle,
wahre Bildung zu wenig Pflege zu teil. Wenn man, um den
Revisor zu befriedigen, nur immer Wissen einprägt, aber keine Zeit hat, es
durch begriffliche Bearbeitung in geistige Kraft, in Interesse zu verwandeln, was
ist das anders als Halbbildung? Wenn Begriffe, Regeln, Gebote oder
Glaubenssätze eingelernt werden, weil es zu zeitraubend sein würde, sie durch
selbständige Gedankenarbeit des Schülers entstehen zu lassen, so ist das auch
Halbbildung. Wenn endlich zwar Fertigkeiten eingeübt' werden, aber auf geist
lose Weise und ohne Einsicht in die Gründe des Verfahrens zu geben, so ist
das wiederum Halbbildung. Es liegt uns bei unserer Behauptung übrigens
vollständig fern, dem eigenen vielgeschmähten Stande allein die Schuld dieser
Beförderung der Halbbildung aufzubürden. Selbst wenn der Lehrermangel nicht
so viele zum Berufe eines Lehrers ungeeignete Persönlichkeiten in den Lehrerstand
gebracht hätte; selbst wenn alle den Lehrern vorgesetzten Inspektoren mit Sach
kunde und Eifer an der Fortbildung derselben arbeiteten; selbst wenn es den
Lehrern möglich wäre, allein ihrem Berufe zu leben: selbst dann würde es un
möglich bleiben, in überfüllten Schulen erziehlich zu unterrichten oder in Halbtags
schulen eine andere Bildung als Halbbildung zu erzeugen.
Unsere Schulbehörden erkennen nun zwar die schädlichen Folgen über
füllter Schulen, scheinen aber nicht in gleichem Maße die weit schädlicheren
Folgen der unvollkommenen Schuleinrichtungen zu fühlen. So heißt es in
Ergänzungsheft XIII der Zeitschrift des Statistischen Bureaus: *) „Die Schule
erzieht durch den Unterricht; ja sie übt nur in dem Maße erziehliche Kraft,
in welchem sie diesen ernstlich betreibt; aber all ihr Unterricht verliert den
besten Teil seines^ Wertes, wenn er nicht erziehlich wirkt. Dazu jedoch,
daß er das vermöge, ist erforderlich, daß Ordnung und Pünktlichkeit in
der Schule herrsche, daß jeder Zögling bezüglich der Treue, mit welcher
er seine Pflichten erfüllt, geprüft werden könne, daß der Vortrag des Lehrers
alle Schüler erreiche und allen etwas biete; vorzüglich aber, daß sich eine
persönliche Beziehung zwischen dem Lehrer und seinen Schülern bilde. Unter
diesen sind fast in jeder Volksschule solche, um die sonst niemand Sorge trägt,
und die von all den Gütern ausgeschlossen sind, durch welche den andern ihre
9 Die öffentlichen Volksschulen im preußischen Staate von Schneider und Peter
silie. Berlin 1883. S. 29.

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