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I. Abteilung. Abhandlungen.
Wer das begriffen hat und Bildung nicht als eine Reihe unverbunden
nebeneinanderstehender Fähigkeiten ansieht, dem ist sofort klar, daß auch der
Lehrplan nicht als ein purer Haufen zusammenhangsloser Fächer angesehen
werden kann, sondern ein organisches Ganze bilden muß.
Demnach muß der Lehrplan 1. material vollständig sein; d. h. die
Lehrfächer müssen vollzählig und angemessen, also jedes nach dem Maße seines
Wertes vertreten sein; und 2. müssen sich die Lehrfächer gegenseitig unter
stützen, einander mit der ihnen eigentümlichen Bildungskraft dienen, soweit
es ohne Nachteil ihres eigenen Lernzweckes geschehen kann.
Daraus folgt dann von selbst, daß auch insbesondere Sach- und Sprachunterricht
einander zu dienen haben.
Jede Schule nun, deren Aufgabe es ist, allgemeine Bildung zu vermitteln,
muß demnach einen selbständigen Realunterricht verlangen, weil sie ihn nicht
entbehren kann, nicht nur die mehrklassige und zwar auf allen Stufen, sondern
ebensowohl die einklassize Schule.
Der Quantität nach mag der Lehrstoff in der einen Schule geringer
sein als in der andern; aber es darf weder ein Lehrfach ausfallen, noch
auf Kosten der andern begünstigt, noch endlich die gegenseitige V er bi n d un g
der Lehrfächer verabsäumt werden, ohne daß die Bildung eine wesentliche Einbuße
erleidet, — und das gilt für alle Stufen, von der untersten bis zur obersten.
Wo irgend eine Verstümmelung des Lehrplans eintritt, da muß die Bildung
dasselbe Manko zeigen.
Gilt nun die Notwendigkeit eines selbständigen Realunterrichts,
ferner das gegenseitige Dienen der Fächer untereinander — und drittens
die schnlgerechte Durcharbeitung des Realstoffes als ausgemacht, so
fragt es sich jetzt, ob der selbständige Realunterricht auch ein Realbuch ver
langt — und zwar für alle Schulen?
Bevor aber an die Untersuchung dieser Frage herangetreten werden kann,
gilt es zunächst festzustellen, welche Aufgabe dem mündlichen Lehrworte
in den Realien zufällt, und welchen Dienst es diesem Lehrfache leisten kann
und soll.
Mit Dörpfeld und anderen hervorragenden Pädagogen verlange ich zunächst
bezüglich der ersten Lehroperation, — des anschaulichen Verstehens,
oder wie Rein sagt „der Darbietung des Neuen" — bei jeder Lektion das
freie mündliche Lehrwort. Dieser Ansicht stimmt auch ganz und voll
Dr. Dittes zu, wenn er warnt: „Der Lehrer lasse sich nicht verleiten, seinen
Unterricht an das tote Papier anzuknüpfen." Ob nun der Lehrer das betreffende
Pensum vorwiegend in zusammenhängender Darstellung giebt oder auf dem Wege
deö Dialogs verfährt oder endlich beides wechseln läßt, diese Specialsrage braucht

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