Ist neben dem belletristischen Lesebuche ein Reallesebuch notwendig? 105
Diejenigen, welche principiell jedes Hülssbuch in den Realien verwerfen
oder auch keins gebrauchen dürfen, verzichten natürlich hier ganz und gar, frei
willig oder unfreiwillig, auf diesen wesentlichen Faktor der Bildung. Und was
ist die Folge für den Schüler, wenn er nicht durch alle Mittel zur Selbstthätig
keit fähig gemacht wird?
Ein solcher Schüler mag recht gescheit werden; aber geschickt, praktisch und
selbständig wird er nicht. Er kann nur dann arbeiten, wenn er vom Lehrer
am Gängelbande geführt wird; er bleibt unselbständig. Selbstredend werden
auch die Gegner des Realienbuches den Schüler zur möglichst großen Selb
ständigkeit in allen seinen Leistungen führen wollen; aber ohne Realbuch mag
das Wollen noch so gut sein, es fehlt das Vollbringen. Der Zweck wird
gewollt; aber das Nächstliegende und geeignetste Mittel zur Erreichung dieses
Zweckes wird verweigert. Was soll man dazu sagen?
Vielleicht aber will jemand den Einwurf machen, es sei dieser Forderung
genügt, wenn der Schüler am Schlüsse der Stunde sich die Hauptsachen auf
schreibe und nach diesen Notizen zu Hause repetiere. Auf diesen Einwand möchte
man fast in der Weise des Müllers von Sanssouci antworten: Gut gesagt, wenn
nur — das leidige Vergessen nicht wäre!
Besehen wir uns den Einwand etwas genauer. — Angenommen, der
Lehrer habe montags irgend eine Stunde in den Realien erteilt, dann wird die
nächste Stunde natürlich ein paar Tage später fallen, wenn thunlich auf den
Donnerstag. Es vergehen also ein paar Tage seit der Stunde. In diesen
Tagen dringen nun aus den Schüler immer neue Vorstellungen ein, eine nach
der andern, und die alten sinken und sinken. Nun kommt der Mittwoch-Nach
mittag. Der Schüler holt seine Notizen. Es mag sein, daß dem einen oder
andern (die Treue wird selbstverständlich vorausgesetzt), wirklich noch das Wieder
holen der Lektion in ihren Einzelheiten gelingt, vielen, den allermeisten nicht.
Die größte Mehrzahl bringt die Sache nicht mehr zusammen. Die kurzen
Notizen reichen vielfach nicht aus, die realen Anschauungen wachzurufen, und
soviel der Kopf sich auch abmüht, die einschlägigen Anschauungen wollen nicht
kommen. — Oder der Schüler hat sich einen Hauptsatz gemerkt; aber die
Beispiele dazu wollen nicht einfallen, oder die Begründung will nicht gelingen.
Sicher ist aber, daß die Sache in einzelnen, häufig in vielen Punkten unklar,
unvollkommen und beschwerlich ist.
Zugleich leuchtet ein, daß diese unfruchtbaren Bemühungen obendrein auch
noch dem Kinde viel Zeit rauben, und daß dadurch in der That so starke
Zumutungen an den häuslichen Fleiß der Kinder gestellt werden, daß man
da mit Recht von einer Überbürdung der Schüler mit häuslichen Arbeiten reden
darf. —

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