Der Einfluß der Kultur auf die Entwicklung unserer Muttersprache. 11
Nomadenvolk auf den weiten Hochebenen von Iran weideten, war ihr Wort
schatz äußerst reich. Indes waren die ihm zu Grunde liegenden Anschauungen
sehr beschränkt; aber für dieselbe Thätigkeit und dasselbe Objekt kannte
man viele Bezeichnungen. Die Kultur war nur ärmlich entwickelt?) Noch ver
stand man nicht, Metall zu Waffen und Werkzeugen zu verarbeiten. Bogen
samt Sehne und Pfeil, Schleuder, Schwert, Schlachtmesser.
Beil, Streitaxt und Lanze aus Holz und Stein dienten als Waffen. Die
Wörter für all diese Gegenstände sind den indogermanischen Sprachen gemeinsam.
Das Mittel der Sprachvergleichung erschließt ferner, daß man Rinder,
Schafe, vielleicht auch Ziegen in gezähmten Massen besaß. Der Hund
war das einzige Haustier; Pferde und Schweine kannte man, aber wohl
nicht in gezähmtem Zustande. Das Wort für Wolle legt den Schluß nahe,
daß man diese früh verarbeiten lernte, wie die Frauen auch zu spinnen und
zu flechten verstanden. Das Wort Vieh ist vielfach in die Bedeutung von
Geld und Besitz übergegangen (got. faihu, lat. pecus pecunia). Der Acker
bau war nicht ganz unbekannt, wenn auch das Wort Acker (vgl. lat. ag6r und
agere von Wurzel ag „treiben") ursprünglich nur Trift bedeutet. Gerste,
Hirse, Mohn, Flachs, vielleicht auch Bohne und Zwiebel sind indo
germanische Wörter, ebenso auch Pflug, eggen, säen, mähen, mahlen,
wenn letztere Reihe auch späteren Ursprungs ist. Von sagbaren Tieren waren
Wolf, Bär, Otter, Hase und Biber bekannt, daneben auch die Maus.
Die Wohlthat des Feuers scheinen die Jndogermanen schon früh genossen zu
haben. Als Wohnungen hatten sie keine Zelte, sondern Wagen. Das spätere
Vielgöttertum schien man noch nicht gekannt zu haben; altind. Dyaus, griech.
Zsvg, lat. deus (verbunden mit pater zu Juppiter), ahd. Zio bedeuten sämt
lich der Himmlische. Als moralische Begriffe sind die Stämme von Freund
und Feind, lieben und hassen, hadern und trügen aus uns gekommen.
Reich waren die Bezeichnungen für verwandtschaftliche Benennungen, die sich aus
dem Zusammenleben in Sippen ohne das feste Band der Ehe erklären. Von
den einfachsten Thätigkeiten, Bedürfnissen, Lebensäußerungen u. a. sind nachzu
weisen: stehen, gehen, essen, schwitzen, decken, nackt, jung, neu,
voll, süß, mitten, dürr u. s. w.
Spätestens gegen das Jahr 2000 v. Chr. Geb. wurde ein Teil des Volkes
durch Weidemangel zur Auswanderung gezwungen. Damit beginnt die Spaltung
der Jndogermanen in die einzelnen Völkerschaften. Es ist wahrscheinlich, daß
unsere Vorfahren, die Germanen, auf dieser Wanderung, vielleicht in den Steppen
st Man vergleiche zu dem Folgenden: Meringer, Indogermanische Sprach-
wisienschaft. Leipzig. S. 122 ff. Lamprecht, Deutsche Geschichte. Berlin. Bd. I,
S 48ff., und vor allem die wertvolle Einleitung in Kluges Etymologischem Wörter
buch. Straßburg 1895.

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