112 I. Abteilung. Abhandlungen.
wenn es sich späterhin denkfaul und spracharm zeigt. Die Schule selbst trägt
die Schuld daran.
Denn, das wird mir jeder zugeben, es giebt kein regsameres und lebhafteres
Völkchen als die Kleinen, die zum erstenmal die Schule betreten. Sie haben in
den sechs Jahren vorher ihre kleine Heimat ziemlich genau kennen gelernt und
sind immer bereit, von ihren Kenntniffen Rechenschaft abzulegen, sobald sie nur
einigermaßen in der Schule heimisch geworden sind und zum Lehrer Zutrauen
gefaßt haben. Sie stellen auch gern dar, was in ihnen lebt, sei's durch's Spiel
oder durch ihre kleinen Malversuche. Natürlich sind ihre Kenntnisse vielfach
lückenhaft und ungenau, und ebenso ist's mit der Sprache. Für viele Dinge
fehlt ihnen die richtige Bezeichnung, für viele Wörter fehlt ihnen der entsprechende
Inhalt. Die erste Arbeit der Schule müßte es daher sein, den Vorstellungsschatz
der Kleinen zu entwirren, zu klären, zu ordnen und im Zusammenhang damit
die Sprache zu bilden. Die Kinder müßten dem Lehrer durch ihre eigenen Mit
teilungen darbieten, was sie bereits besitzen, und ebenso müßten sie durch ihre
eigene Arbeit Ordnung und Klarheit in ihrer kleinen geistigen Welt schaffen.
Im Anschluß daran sind sie dann auch leicht dafür zu haben, das, was sie ge
rade lebhaft beschäftigt, durch die Schrift darzustellen und in Verbindung damit lesen
zu lernen. Das Schreiben ist ihnen dann eben nur ein weiteres Mittel der
äußeren Darstellung neben dem Spiel und der einfachen, kunstlosen Zeichnung.
Es kann in ganz ähnlicher Weise erlernt werden wie auch das Sprechen?) Das
Kind lernt dann auch diese Fertigkeit von vornherein als etwas Wertvolles
schätzen, es bedient sich ihrer gern und hilft sich oft schon selbst ein Stück weiter
fort. Der Lehrer ist dann eigentlich nur derjenige, der die Selbstthätigkeit der
Kinder immer aufs neue anregt und in der rechten Weise reguliert. In dieser
Weise betrieben ist der erste Unterricht eine höchst interessante und dankbare
Arbeit. Langweilig und trocken wird er erst durch das Übergewicht des mechanisch
betriebenen Schreiblesens.
Durch das Übergewicht, sage ich ausdrücklich. Denn ich will diesem Unter
richt sein Heimatrecht auf die Unterklasse durchaus nicht absprechen. Ich fordere
nicht einmal eine Beschneidung seiner Ziele für die beiden ersten Schuljahre.
*) Der Satz möchte zu Mißverständnisien führen. Ich will ihn deshalb vorläufig
wenigstens durch ein paar Beispiele erläutern. Wir sprachen im religiösen Vorkursus
vom Sonntag und von der Kirche. Die Kleinen hatten im Anschluß daran eine Kirche
gemalt. Einer setzte unter seine Zeichnung die drei Buchstaben „i r e" und laß mir
nun frischweg vor „Kirche". Ein andrer schrieb unter eine menschliche Figur „a m"
und behauptete, er hätte „Adam abgeschrieben." Wieder ein andrer teilte mir freude
strahlend mit, er könne jetzt auch schon die Geige „abschreiben": auf seiner Tafel stand
aber nur „ei e". Das Kind beschränkt sich also — sofern es selbständig arbeitet — bei
seinem geringen Zeichenvorrat und seinem ungeübten Hörorgan anfänglich auf die Dar
stellung der besonders hervortretenden Laute.

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