Sprach- und Sachunterricht auf der Unterstufe. 113
Aber das steht mir fest, daß er einen Teil seiner Zeit an den Anschauungs
unterricht abgeben und sich an diesen anlehnen muß. Was er auf diese Weise
äußerlich verliert, wird durch die um so regere Mitarbeit der Kinder reichlich
wieder eingebracht, so daß also auch die mechanische Fertigkeit durchaus nicht dar
unter leidet.
Ich möchte gerade das Letzte besonders betonen. Es giebt nämlich auch
unter den Lehrern Leute, die etwa folgendermaßen argumentieren: Wenn man in
der Unterklasse gesonderten Anschauungsunterricht treibt, so hat das zur Folge,
daß es nachher an der technischen Fertigkeit im Lesen und Schreiben hapert. Die
Unterklasse hat jnun einmal von jeher die Ausgabe gehabt, diese beiden Fertig
keiten vorweg den Kindern zu übermitteln, und sie hat an dieser ihrer Haupt
aufgabe reichlich zu thun. Überdies können solche äußeren Fertigkeiten auch nur
auf mechanische Weise, d. h. durch fortwährenden Drill, angeeignet werden. Die
Verbindung zwischen Anschauungs- und Schreibleseunterricht ist also eine unfrucht
bare Künstelei.
Demgegenüber zeigt uns ein Blick in die Geschichte der Methodik der beiden
Fächer, daß man von jeher bemüht gewesen ist, einerseits für den Anschauungs
unterricht die rechten Wege zu finden, andererseits den Schreibleseunterricht immer
geistbildender zu gestalten, d. h. eben im Anschloß an den Sachunterricht. Aller
dings ist man dabei vielfach auf Um- und Abwege geraten. Ich erinnere nur
an Jacotot und Seltzsam. Auf einem dieser Abwege nun sitzen wir augenblicklich
fest: das ist die sogenannte Normalwort-Methode. Aus Lauten, die nach ihrer
Schwierigkeit geordnet sind, setzt man Wörter zusammen und schreibt nun dem
Anschauungs-Unterricht vor, die Sachen, die durch jene Wörter bezeichnet werden,
zu behandeln. Das ist, kurz gesagt, Anschauungs-Unterricht nach phonetischen
Grundsätzen, so lächerlich es auch klingt. Da sieht sich denn das Kind auf
einmal genötigt, für Dinge Interesse zu heucheln, die ihm die gleichgiltigsten von
der Welt sind.
Freilich, als die Normalwort-Methode aufkam, da glaubte man das Problem
der Verbindung zwischen Sprach- und Sachunterricht zu allseitiger Zufriedenheit
gelöst zu haben. An die Stelle des Anschauungs Unterrichts trat nun im ersten
Schuljahr die Erklärung unverständlicher Wörter und im zweiten die Behandlung
geistloser Lesestücke. Ungefähr zu gleicher Zeit ging Kehr dann dem Anschauungs
unterricht von anderer Seite zu Leibe, indem er in seinem sonst sehr wertvollen
Buche über den Sprachunterricht das bekannte Schlagwort ausgab: „Uns ist die
Anschauung keine Disciplin, sondern ein Princip." Es ist daher durchaus nicht
verwunderlich, wenn der Anschauungs-Unterricht nach und nach aus der Unterklasse
verschwand.
Nun darf man wohl die Leute, die sich immer wieder auf jenes Wort
Kehrs berufen, darauf hinweisen, daß derselbe Kehr etwa 20 Jahre später eine

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