Sprach- und Sachunterricht auf der Unterstufe.
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Beziehung gebracht werden kann, ist immer auf der Lauer nach Ähnlichem." Ich
will das durch ein paar Beispiele aus meiner eigenen Praxis belegen. Bei der
Besprechung des Roggenhalmes sagten meine Kinder: „Die Knoten, das sind
dem Roggenhalm seine Knie", bei der Betrachtung des Hühnerhofs: „Der Hahn
ist der Vater von die Hühner", beim Anblick der Enten auf den Teich, die in
gerader Linie dahinschwammen: „Die Enten gehen mit de Schule raus", bei der
Besprechung des Perpendikels an der Uhr: „Die Uhr thut mit's Bein wackeln."
Das sind nicht einzelne Ausnahmen, sondern das ist die normale Betrachtungs
weise der Kinder dieser Stufe, und man denke ja nicht, daß die genaue Auf
fassung der Wirklichkeit dabei zu kurz komme. Das Kind dieser Stufe vereinigt
eben den nüchternen Beobachter mit dem phanlasievollen Träumer in einer Person.
Dieser Eigenart müssen wir Rechnung tragen, wenn wir anders für unsern
Unterricht Interesse erwarten wollen. Wie sich das in der Praxis macht, will
ich an einem Beispiel zeigen. Ich behandelte in der vorigen Woche das Pferd
und zwar das Reitpferd, nicht etwa ein beliebiges Reitpferd, sondern das, auf
dem „der Herr Major" immer an der Schule vorbeireitet. Da ergab sich denn
unter Mitarbeit der Kinder schließlich folgender Gang der Betrachtung: 1, Wo
das Pferd wohnt (Sein Haus und sein Bett). 2. Wie der Bursche für das
Pferd sorgt (Sein Haarkleid wird gebürstet, seine Mähne gekämmt, seine Schuhe
gewichst). 3. Wie das Pferd angezogen wird (Sattel und Steigbügel zum Sitzen,
Zaum und Zügel zum Festhalten). 4. Was das Pferd zu effen und zu trinken
bekommt (die Krippe seine Schüssel, der Eimer sein Becher). Nun weiß ich zwar,
daß mancher nicht abgeneigt sein wird, einen derartigen Unterricht im stillen als
Spielerei zu belächeln. Darauf möchte ich erwidern, daß das Kind dieselbe Arbeit
leistet wie bei der sonst üblichen trockenen Beschreibung; *) der Unterschied ist nur
der, daß diese Arbeit jetzt gern und freudig verrichtet wird. Mag das Kind
ruhig die Krippe zunächst als Schüssel bezeichnen; daß das Ding auf vier Beinen
steht, um dem Pferd die Mühe des Bückens zu ersparen, wird ihm dabei nicht
entgehen. Und ebenso genau wird es wissen, wieviel Nägel im Hufeisen sitzen,
wenn es beim Wichsen der Schuhe zugesehen hat. —
Indessen erhebt sich nun die weitere Frage, wie sich mit einem derartigen
Anschauungs-Unterricht ein straffer Schreibleseunterricht vereinigen läßt. Darauf
3 In einem vor drei Jahren erschienenen Buche, das sonst zu den besten seines
Faches gehört, heißt es u. a.: „Das Pferd hat einen länglichen Kopf, große Zähne,
eine lange, fleischige Zunge und zwei große Nasenlöcher (Nüstern). Seine Augen sind
so groß wie ein Thaler, die Ohren gerade aufstehend und leicht beweglich. Der Hals
ist länger als der Kopf, etwas gebogen und an den Seiten zusammengedrückt. Auf
dem Nacken trägt es lange, herabhängende Haare, die man Mähne nennt. Der Rumpf
ist walzenrund, langgestreckt, die Brust breit Ist es tot, so nützt es uns durch
seine Haut, aus der man Leder gerbt. Die langen Haare aus dem Schwänze werden
zu (Geigenbögen benutzt, die übrigen zum Polstern.

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