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I. Abteilung. Abhandlungen.
möchte ich noch in aller Kürze aus der Praxis heraus eine Antwort geben.
Vorab darf ich wohl auf zwei Extreme hinweisen, die das Richtige, das in der
Mitte liegt, etwas deutlicher erkennen lassen. Im vorigen Jahr erschien eine
gekrönte Preisschrift für den Unterricht im ersten Schuljahr von Konrad Fuß in
Würzburg. Der Verfasser gehört der Schule Zillers an. Er schließt den ersten
Schreibleseunterricht an an das Märchen von den Sternthalern. Der erste Satz,
der gelesen und geschrieben werden soll, lautet also: „Es war einmal ein armes
kleines Mädchen." Da bestimmt also der Anschauungs-Unterricht sowohl die
Auswahl als auch die Anordnung des Schreiblesestoffes, und von einer Rücksicht
auf die Schwierigkeit der Sprachform ist gar keine Rede mehr. In der Fibel
von Brüggemann dagegen, die uns im vorigen Jahr hier beschäftigt hat, finden
sich auf den ersten Seiten beispielsweise folgende Übungen: l, le, li, lo, lu; el,
il, ol, ul; ele, ili, olo, ulu. Wie dort die Sprachform, so ist also hier der
Sprachinhalt als etwas gänzlich Nebensächliches behandelt. Dieser Unterricht ist
leicht, aber ohne jedes Interesse; jener ist interessant, aber viel zu schwer. Der
Anschauungs-Unterricht hat eben nur das Recht, dem Schreibleseunterricht eine
Anzahl von Dingen, für die sich das Kind interessiert, zur Auswahl vorzulegen.
Diese Auswahl aber trifft der Schreibleseunterricht ganz selbständig und zwar an
der Hand der Wissenschaft, die sich mit dem äußeren Bau der Sprache, mit den
Lauten, ihrer Erzeugung und Verbindung, beschäftigt, also nach den Grundsätzen
der Phonetik. Es spielen da zwar auch noch andere Rücksichten hinein, indessen
stehen jene in erster Linie. So erhalten wir also neben dem sachlichen Lehrgang
für den Anschauungs-Unterricht einen formalen fürs Schreiblesen. Dieser könnte
in seiner einfachsten Gestalt etwa so aussehen:
I. Lauttreue Schreibung.
1. Schreibschrift der Kleinbuchstaben.
a) singbare Dauerkonsonanten,
b) nichtsingbare Dauerkonsonanten,
c) Stoßlaute.
2. Schreibschrift der Großbuchstaben.
3. Druckschrift.
II. Andersschreibung.
Wie gestaltet sich nun der Unterricht im einzelnen? Nehmen wir an, wir
ständen nach jenem formalen Lehrgang augenblicklich beim Stoßlaut g, wie das
bei mir der Fall ist. Im Religions-Unterricht ist die Geschichte Josephs kürzlich
zum Abschluß gelangt, im Anschauungs-Unterricht ist das Pferd behandelt. Ich
wähle zur Einführung des neuen Lautes das Wort „wagen". (Joseph fuhr im
Wagen des Königs durch die Staat; er fährt seinem Vater Jakob entgegen;
die Pferde ziehen den Wagen.) Die Kinder prägen sich den neuen Laut ein,
schreiben das Wort darunter. An dieses Wort schließt sich nun zunächst eine

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