Die 34. Hauptversammlung rc.
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der Fall war auf Grund der gedruckten Abhandlungen, da ging einem bald im
Laufe der Verhandlungen eine Ahnung davon auf, daß es sich um nichts Gerin
geres handele als darum, ein Unterrichtsfach, den Zeichenunterricht, aus der
Aschenbrödelstellung in die einer Prinzessin im Lehrplan zu erhöhen. Es rumort
eben im Lehrplan. Nichts ist fest. Von manchen Fächern gilt's wohl: Letzte
werden erste, und erste letzte sein.
Die vorige Konferenz hatte vorgearbeitett. Rein hatte in seiner Theorie
des Lehrplans den Zeichenunterricht als Kunstunterricht unmittelbar neben die
Gesinnungsfächer in die historisch-humanistischen Fächer gerückt. Auf diesen Bo
den stellte sich der 1. Referent ausgesprochenermaßen; auch der 2. stand, wenn
'tzs auch nicht besonders ausgesprochen wurde, auf denselben Boden. Man mag
darüber streiten — ich bin der Meinung, daß der Platz, den Dörpfeld in den
Grundlinien einer Theorie des Lehrplans, dem Zeichnen anweist, seine tiefe Be
rechtigung hat, er reiht das Zeichnen in die 3. Gruppe der unterrichtlichen Fächer,
in die formunterrichtlichen ein — und man lese nach, was er über das Zeichnen
sagt, um's zu verstehen, daß er nicht zu den Männern alter und veralteter
Observanz gehört, sondern durch und durch modern ist. Mag dem sein, wie ihm
wolle, die in den Referaten gewählte Fragestellung machte die Verhandlung
interessant. Man fühlte es bald, die Referenten stehen mitten drin in den
Fragen, die jetzt allerorts guftauchen und der Lösung harren; sie stehen in einer
sie befriedigenden Übung der Praxis, die ihnen eine Fülle von Ideen und An
regungen zuströmen läßt'; sie lassen die verschiedenen Richtungen, die es heute auf
diesem Gebiete giebt, vorurteilslos auf sich wirken, vielleicht mit dem Unterschiede,
daß Döpp mehr dem humanistisch-historischen Zuge der Jenenser, Lotz mehr dem
realistischen der Hamburger Richtung folgt. So vertraute man sich gern ihrer
Führung an, vielleicht nicht ohne mit einem Gefühle des Neides zu hören, daß der
eine darlegen wolle, was sich ihm in 15 jähriger Praxis aufgedrängt habe. Hierin
ist auch das Urteil begründet, das im Laufe der Debatte gefällt wurde: man habe
die Referate wie eine Erlösung empfunden. Ja, neue Bahnen wurden gewiesen;
die Gedanken kamen in Fluß. Es wäre wohl noch mehr der Fall gewesen, wenn
es nicht vielleicht von vielen peinlich empfunden worden wäre: Wir kommen
noch nicht mit; es fehlt uns noch am Besten. Wie kann ich mit, so mich nicht
jemand anleitet? Wir müssen selbst erst gehen lernen auf den neuen Bahnen.
Wir müsien zu Schülern werden und anfangen zu zeichnen; denn bisher haben
wir eigentlich noch nicht „zeichnen" können.
Ist es mit dieser Ünsicherheit zu erklären, daß man sich auf das prin
cipielle Gebiet: Was ist eigentlich die Kunst? nicht begeben wollte, so möchte
man doch wünschen, daß in einer Herbartversammlung sich sachverständige Männer
über diese Frage kurz ausgesprochen hätten. Hier fehlte dock vielleicht beiden
Referaten eine kleine psychologische Auseinandersetzung, so dankenswert es war,
von Herrn Döpp zu hören, daß er nur aus der Praxis heraus berichten wolle.
Hinsichtlich dieses Punktes waren die Ausführungen von Börger doch eine wert
volle Ergänzung zu den sonst gediegenen Referaten. Was über das Verhältnis
von ästhetischem Empfinden und ethischem Handeln gesagt wurde, hatte viel An
ziehendes. Solche Ausführungen heben erst die Debatte auf die würdige geistige
Höhenlage, selbst wenn man, wie mit Recht auch seitens des Vorsitzenden betont
wurde, diese Fragen nicht gerade in den Mittelpunkt der Debatte rückt. — Und
an diese Fragen müssen wir doch alle heran, um weiter zu kommen. Man lese

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