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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
nur einmal die überaus klaren Ausführungen, die Dörpfeld über das Verhältnis
von Logik, Ästhetik und Ethik an einer Stelle giebt, wo man sie zunächst gar
nicht vermutet (Heilßlehre S. 103—111), um zu der Gewißheit zu kommen,
daß man auch über die so viel umstrittenen Fragen der Ästhetik zu klaren Be
griffen kommen kann.
Wo solche Ausführungen bekannter würden, da kämen solche Äußerungen
nicht vor wie die: Zum Gehorsam könne man ein Kind erziehen; zum Kunst
verständnis, resp. Genuß dagegen nicht. Hier lagen große psychologische Unklar
heiten vor, eben über den Begriff der Kunst, sofern man ihn nicht verstand als
etwas, was wie die logische und ethische Anlage doch jedem Menschen, wenn auch
in Abstufungen, mit gegeben worden ist. Sehr gut wurde darauf auch geantwortet,
daß es sich natürlich nur um ein der Entwicklungsstufe des Kindes entsprechendes
relatives Verständnis der Kunst handele, das aber gepflegt und entwickelt wer
den könne.
Im ganzen gesehen standen Referate und Debatte im Zeichen des Wortes:
„Greif nur hinein ins volle Menschenleben und wo man's packt, da ist es inter
essant", besonders auch dadurch, daß letztere gewürzt wurde durch treffliche Illu
strationen aus dem Entwicklungsgänge von Künstlern wie Defregger und Kaul-
bach. Um so dankbarer nahm man dann auch die Hinweise auf die Treue in der
Überwindung der technischen, manuellen Schwierigkeiten, ohne die man zu einem
wirklichen Kunstverständnis nicht vordringen kann. wie sie besonders Herr Seminar
lehrer Pfund gab, hin und konnte den Schlußworten des Vorsitzenden von
Herzen beistimmen: Der Wert der Verhandlungen liege in der gegebenen An
regung. Auf die Formulierung eines festen Ergebnisses komme es nicht an.
Die Thesen des 2. Referates seien zum Schluß noch mitgeteilt, da sie die
erörterten Fragen knapp wiedergeben:
1. Der Zeichenunterricht muß Kunstunterricht sein. Als solcher hat er die
Aufgabe, die künstlerischen Anlagen zur Genußfähigkeit auszubilden.
2. Die Grundlage ästhetischen Genießens ist die Anschauung; darum ist
die Bildung der Anschauung die erste und vornehmste Stufe der Bildung
zur Kunst.
3. Da das Wesen des ästhetischen Genießens in der gefühlsmäßigen Be
lebung des Scheinbildes durch die Phantasie des Beschauers besteht, so muß das
Stoffgebiet des Zeichenunterrichtes der Erfahrung der Kinder entnommen sein.
4. Die Figuren muffen trotz der elementaren Darstellungsweise, die wesent
lichen charakteristischen Formen des Gegenstandes wiedergeben und auf den ersten
Blick als ein Abbild desselben sich darstellen. —
Kürzer können wir uns über die Nachmittagsversammlung fassen, die, wie
es schien, etwas zahlreicher besucht war. Man möchte versucht sein, einen Ver
gleich zwischen dieser Verhandlung und der anr Morgen anzustellen. Auch hier
ein Unterrichtsfach, das bis jetzt mehr oder weniger dem frisch pulsierenden
Leben ferngerückt war; der bisherige besondere Aufsatzunterricht lieferte doch mehr
Paradestücke, brachte aber die Gedanken nicht genügend in Fluß und trug so zu
wenig bei zur Förderung der Sprachfertigkeit.
Die Aufsätze müssen in den übrigen Unterricht eingegliedert werden. Gerade
dadurch erzielt man selbständige Leistungen des Schülers. Auch alle Anforderungen
des bisherigen gesonderten Aufsatzunterrichtes kommen dabei zu ihrem Rechte.
Das war der Grundton des Referates, dem man auch die Freude abmerkte,

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