Die 34. Hauptversammlung rc.
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neue Bahnen weisen zu dürfen. Es gelte Vereinfachung der Aufsatzes; man
müsse dem Augenblick auch etwas überlassen, individualisieren; die Sprachfertigkeit
entwickeln; die Schüler so leiten, daß sie offen würden für alle aus sie ein
dringenden Bildungseinflüsse. Sache und Wort müssen sich entsprechen. Das
waren goldene Worte.
Bei dieser Art der Behandlung wird Langweiligkeit nicht in die Schulstube
einziehen. Die Aufsatzübung wird das Leben in seiner Vielseitigkeit aufzu
fangen wissen.
Ob freilich der Begriff „Aufsatz" ganz zu seinem Rechte kommt bei dieser
Praxis, konnte fraglich bleiben. Wenn ich den Gang der Debatte recht ver
standen habe, so gab man darin freilich dem Referenten Recht, daß es gelte, aus
der Litteratur, aus dem Gesinnungs- und Sachunterricht oder auch aus dem
eignen Erleben das innerlich Wertvolle, dem auch der Schüler Interesse entgegen
bringt, zu Grunde zu legen. Diese Stoffe bilden das Rohmaterial. Aber wie
nun zu Anfang der Debatte mit Recht gesagt wurde, es bleibe nun die Haupt
sache, dieses Material zu einem „Gebäude" zusammenzufügen. Das Sichten des
Stoffes; das Ausscheiden des Unbrauchbaren, auch wohl das Behauen der
Steine bleibt doch die Hauptarbeit, die unter der Anleitung des Lehrers auch
vom Schüler zu leisten ist. Das wird auch dann bleiben, wenn der Aufsatz in
olle Unterrichtsfächer Einlaß begehrt. Es bleibt auch die schönste Arbeit, die
der Lehrer mit dem Kinde zu treiben hat, die Arbeit, durch die das Kind lernt
Gedanken und Feder in die rechte Zucht zu nehmen. Der Referent schien mir
diese Seite eigentlich erst in seinen Ausführungen über den Briefstil in das
rechte Licht zu rücken.
Dahin zielte jedenfalls die schlichte und doch treffende Bemerkung des Vor
sitzenden : Es fehle wohl vielfach daran, daß die Anwendungsstufe nicht genug
zur Anwendung komme. Diese kann aber erst dann in ihr Recht treten, wenn
das „Ges tz", der „Begriff" aufgedeckt ist.
Es gilt doch vor allem den logischen Aufbau aufzuweisen und dann das
an einem Gegenstände Gewonnene vielseitig flüssig zu machen. Hat man den
Roggen behandelt, so nehme man den Apfelbaum vor. Man vergleiche, man
suche die Übereinstimmungen, man decke die Verschiedenheiten auf. Ist im Lese
buche das alldeutsche Haus beschrieben, so lasse man das moderne Haus be
schreiben! Das bringt die Gedanken in Fluß. Wie anmutig wurde uns bei
diesen Erörterungeu auch die Verwendung der Frage in der Ausführung über
die Familie durch Rektor Gosekuhl vorgeführt. Diese alten Praktiker, die zu
gleich als Meister des Stils sich darstellten, machten keinen Hehl daraus, daß sie
mit einem Übermaß von „selbständigen" Arbeiten und zwar selbst von solchen in
Anführungsstricken, nicht aufwarten könnten, daß sie aus viele Schwierigkeiten
stießen und auf die stereotype Form des Rachahmens doch mehr, als es nach
dem Referenten schien, angewiesen seien. Dies Bekenntnis der Alten führt doch
wohl dahin, lieber an wenigen Stoffen - gewiß den packendsten — den Auf
bau der Gedanken mit Sorgfalt vollziehen zu lassen und das Gewonnene durch
vielseitige Übung und Übertragung auf andere Gebiete zum dauernden Besitztum
zu machen.
Rückblickend wiesen sowohl Referat wie Debatte eine glückliche Mischung
von Konservatismus und Fortschritt auf. Bei den Jüngern das Streben, neue

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