Der Einfluß der Kultur auf die Entwicklung unserer Muttersprache. 13
der Germanen, der als Personifizierung der Naturkräfte einen erweiterten Kreis
gezogen hat, kennt nicht edle sittliche Schönheit. Findet doch selbst die fluch
würdige That nicht immer ihren Rächer/) wenn auch dunkle Ahnungen auf
steigen, daß einem solchen Naturzustand ein höheres Gesetz übergeordnet ist,
„dessen unerbittlichem Schicksal auch die Götter zur Strafe verfallen." ^)
So traf dieses Volk, der Träger einer zwar barbarischen, aber immerhin
achtunggebietenden Kultur, zusammen mit den Römern, dem Träger einer hohen,
reich entwickelten Kultur; ich erwähne die Bastarnen (um 200 v. Chr. Geb.),
die Skiren (um 180—170), die Kimb ern und Teutonen (um 115).
Es ist bekannt, wie die Sieger die römischen Adler in Germaniens unwirtlichen
Gauen aufpflanzten. Bei den vielen Angriffs- und Verteidigungskämpfen lern
ten die deutschen Krieger die Kultur der Römer kennen, wie um
gekehrt durch die Occupation des deutschen Landes der römische Soldat die
Kultur ins Land einführte. Bedeutungsreicher war aber, daß ebensoweit, ja
noch weiter als der römische Adler, der römische Kaufmann vordrang.
Seit der Zeit des Pytheas, eines um 330 v. Chr. Geb. in Marsillia lebenden
Kaufmanns, waren schon einzelne Händler in das neblige Germanien gekommen,
jetzt aber überschwemmten sie unser Vaterland. Damit beginnt für unsere
Muttersprache eine Periode von der allergrößten Bedeutung;
denn mit der neuen Kultur zieht aus dem sonnigen Süden eine
Menge neuer Wörter in die deutschen Lande ein, denen man aller
dings heute das fremde Gepräge nicht mehr ansieht?)
Frühzeitig schon führte der römische Händler durch die unwegsamen Wälder
Germaniens einen sehr beliebten Handelsartikel, den Wein, und durch das Ge
schenk des Cäsaren Probus kam der Weinbau nach Deutschland. Damit kam
auch die ganze Terminologie, die sich aus den Weinbau und die Weinbereitung
bezieht, in unsere Muttersprache, z. B. lat. vinum = got. wein ahd. win;
calix ahd. kelih Kelch; lat. bicarium ahd. bikeri behhar Becher; lat.
mustum ahd. most Most; lat. pressa ahd. fresse Presse; lat. trajecto-
rium ahd. trahtari Trichter; lat. acetum ahd. ehbiz Essig; lat. miscere
ahd. misken mischen. — Interessant ist es, daß von dem lat. eanpo Schenk
wirt (vgl. caupona Schenke, Wirtshaus), das auch Kleinhändler bedeutet, ein
got.-germ. kaupon ahd. koufon abzuleiten ist, dem die Bedeutung „Tausch-
0 Vgl. hierzu Lamprecht a. a. O., Bd. I, S. 83. 192. 193.
r) Kaufmann, Deutsche Mythologie. Leipzig. S. 23; vgl. auch in Pauls
Grundriß die Mythologie von Mögt, Bd. I.
3 ) Man vergleiche vor allem die sehr verdienstvolle Arbeit von Kluge in Pauls
Grundriß, Bd. I, S. 327; ferner Behaghel, Die deutsche Sprache. Leipzig. S.
116ff.; Weise a. a. O., S. 175 ff.; Kleinpaul. Das Fremdwort in der deutschen
Sprache. Leipzig. S. 22. 68 ff.

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