Stimmen zur Schulreform.
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reiten, die es der Mutter oder dem Vater leisten soll, wie es je nach seinen natürlichen
Trieben ohne Anleitung zeichnet, kleistert, singt, erzählt, säet und pflanzt, wie es die
leblosen Tinge personifiziert und sich selbst so gern in fremde Personen und Situationen
hineindichtet, der erkennt, baß der Geist in demselben Verhältnis das Bestreben sich zu
äußern zeigt, als er an Anschauungen und Vorstellungen wächst, daß es ein Natur
gesetz desselben ist, sich zu offenbaren. ... In der Aufgabe der Schule liegt es, eine
stetige Entwickelung der Kraft anzustreben, und doch scheint sie gerade häufig einen
Stillstand oder gar einen Rückgang zu veranlassen. Die frischen, ursprünglichen Äußer
ungen hören meist auf, wenn das Kind in schulmäßige Behandlung kommt, die Redelust,
die Gestaltungsfreudigkeit schwindet allmählich mit dem fortschreitenden Lernen und
überträgt sich nicht auf die Stoffe des Unterrichts. Es ist, als ob mit der Schule in
schnellem Wechsel die künstliche Ernährung des kindlichen Geistes begönne und alle die
Übelstände auch geistig zur Erscheinung kämen, die unverdauliche Nahrung leiblich her
vorzubringen pflegt. Die Schule soll zwar nur ernste Arbeit treiben, in ihr sollen die
Spiele der kindlichen Phantasie sich umwandeln in zweckdienliche Thätigkeit, auf sicherem
Grunde soll sich das Misten und Können aufbauen, das die Schule aneignet, aber es
ist nötig, daß dies geschieht, ohne daß Gestaltungslust und Freudigkeit verwelken und
eingeschüchtert werden/'
„Die Volksschule hat im Kinde in erster Linie den werdenden Menschen zu erblicken
und eine menschenwürdige Gestaltung seines inneren Lebens zu begründen, indem sie
die schlummernden geistigen Kräfte weckt und stärkt. Sie hat den kindlichen Geist har
monisch zu bilden, darf ihn aber nimmermehr als eine Vorratskammer ansehen, in der
möglichst viele Wistenssckätze für den späteren Gebrauch aufzuspeichern seien. . . Möchte
man sich doch an den Gedanken gewöhnen, daß die Kindheit auch an sich eine Berechti
gung und einen Zweck hat und daß man Kinder nicht nur in Rücksicht darauf ansehen
darf, was aus ihnen werden soll. Sie stehen mit ihrem ganzen Denken und Sein nur
in der Gegenwart, und ihre übersorglichen Erzieher möchten in ihnen nur eine Anweisung
auf die Zukunft erkennen und sie nach diesem Gesichtspunkte behandeln. Man schmälert
in unserer Zeit den Kindern oft gar zu sehr das Recht. Kinder zu sein. Spiel und
freie Bewegung, Fröhlichkeit und Sorglosigkeit ist für sie ein Naturgesetz, und wenn
die Schule in unsern Tagen mehr als früher das Kind in ernste Thätigkeit und strenge
Zucht nimmt, so ist es heute die größere Pflicht der Eltern und Erzieher, demselben zu
seinem Rechte zu verhelfen außerhalb der Schulzeit. Auch das gehört zu einer natur
gemäßen Entwicklung des Kindes, und nur eine solche berechtigt zu der Hoffnung auf
kräftige, innerlich gesunde Früchte in der Zukunft."
„Was ein Kind zu bedeuten hat, wie sein Seelenleben beschaffen ist, auf welche
Weise sich der Kreis seines Wissens organisch erweitert und das Wachstum seiner gei
stigen Kräfte erfolgt, darf, wenigstens theoretisch genommen, keinem unbekannt sein, der
sich dem Unterricht und der Erziehung widmet. Wir brauchen einen Unterricht nicht
nach materiellen Gesichtspunkten geordnet, sondern nach psychologischen. . . . Die Me-
thode muß vollkommener werden, um mit weniger Stoffen mehr Bildung zu schaffen,
aber nicht, um einen größeren Umfang des Wissens zu ermöglichen."
„Wir kommen gar nicht mehr dazu, jeden Schüler für sich zu nehmen, sein eigen
tümliches Wesen zu ergründen und diesem gemäß ihn zu behandeln. Der Mensch ist
ein Einzelwesen, schon im Kindesalter, das ist die Erkenntnis, die jeder Lehrer zuerst
beherzigen sollte, die aber wirkungslos bleibt, wenn eben das Stoffprincip die Schule
beherrscht. Manches Kind ist fähig, große Mengen Lernmaterials in sich aufzunehmen,
zuweilen sogar unbeschadet seiner geistigen Kräftigkeit, andere können nur eine geringe
Menge verdauen und werden durch Überfülle geschwächt an dem Vermögen, das Wissen
in Bildung, die Stoffe in Kraft umzusetzen. Mancher denkt langsam, freilich oft desto
tiefer. Aber das rettet ihn nicht. Wer im hastenden Tempo des Unterrichts -nicht
Schritt hält, bleibt zurück. _ Wer seine Schüler auf Jahre hinaus in der Entwickelung
verfolgen kann, macht häufig die Beobachtung, daß die wahre thatkräftige Bildung in
ihnen erst dann beginnt, wenn der unnötige Wistensballast abgeworfen ist, der in der
Schulzeit ihnen aufgebürdet wurde, und mancher Träumer auf der Schulbank entwickelt
sich später zu Resultaten, von denen sich seine Lehrer nichts träumen ließen."
„Wie vieles lehren wir doch, was bleibenden Wert nicht in sich schließt! Wie be
herzigenswert wäre es, wenn wir das Wort vom Sammeln irdischer Schätze auch auf
das geistiger übertrügen. . . . Die pädagogische Kunst besteht eben darin, aus dem
Wissen der Gegenwart das dem Kinde Verständliche und Jnterestante, das eigentlich

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