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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
Belebende des Geistes herauszufinden und in einer der Schülerkraft entsprechenden
Weise zu bieten. . . . Was ins Volksbewußtsein übergegangen oder überzugehen fähig
ist, das ist auch der sicherste Fingerzeig für die Wahl der Unterrichtsstoffe in der Volks
schule."
„Nur diejenigen Besprechungen (im Anschauungsunterricht) brächten inneren Gewinn,
die aus dem Kinde herauslocken, was es selbst geschaut, wo, unter welchen Verhält
nissen, unter welchen Lebensäuberungen es die besprochenen Dinge beobachtet hat, oder
es aufmerksam machen, was es an ihnen beobachten kann. Das einzelne in der Schul
stube vorgeführte Objekt verleitet unwillkürlich zu einer anatomischen Besprechung, für
welche unsere Elemenrarschüler gar nicht reif sind, mit welcher sie aber auch aus an
dern Gründen verschont bleiben müßten. Nur mit selbstgemachten Anschauungen des
Kindes sollte in den ersten Fahren die Schule arbeiten und dieselben verarbeiten. Dann
nur würde im kindlichen Geiste ein gewisses eigenes, weil selbst erworbenes Besitztum
entstehen und die Kraft geschärft werden, dasselbe nach und nach zu vermehren. Dann
hätten wir aber auch schon für die unterste Stufe das be,le Mittel für die Sprach-
bildung. nicht nur Sprechfertigkeit, gefunden, denn diese wird nicht von außen in das
Kind hineingebracht, sondern entwickelt sich vom Gedankenkreis des Kindes, also von
innen heraus/'
„Nichts ist nützlicher und bildender als schriftliche Übungen und deutsche Aufsätze.
Das Kind hat eigene Gedanken, mögen dieselben auch unklar und falsch sein; aber sein
Geist wird durch den Unterricht zu sehr in passivem Zustande gehalten. Es wird von
ihm gefordert, die Gedanken anderer aufzufassen, aber es wird nicht zugleich genügend
gewöhnt, die eigenen zu finden, zu ordnen und auszudrücken. Die schriftlichen Übungen
zwingen es, seinen Geist lebhafter arbeiten zu lassen, und diese Bewegung ist es, welche
nicht bloß die Sprache, sondern auch den Verstand und das Urteil, ja selbst die Er
findungsgabe stärkt und bildet. . . . Beim deutschen Aufsatz soll das Kind sich nicht
lediglich erinnern, was und wie es der Lehrer gesagt hat: sondern es soll darüber nach
sinnen, wie es die Gedanken, die es in sich dunkel fühlt, zum möglichst klaren und
schönen Ausdrucke bringt. Die Themen müssen daher so beschaffen sein. daß es eigenes
dabei denken kann, und sein Denken muß durch Andeutungen in die rechte Bahn ge
bracht werden. Dies ist freilich eine pädagogische Kunst, die nicht leicht ist; aber wer
sie versteht, kann schon vom dritten Jahrgange an nach solchen Grundsätzen verfahren
und sich der Resultate erfreuen, die er erzielt.'3
„Der Worte werden in der Religionsstunde freilich genug gewechselt, aber in keiner
andern Stunde vermißt man so sehr die eigene geistige Gestaltungskraft der Schüler,
und in keiner sind die Antworten derselben so sehr Reproduktionen angelernter Aus
drücke, als in dieser?)
„Die Familie ist neben der Schule noch ein wichtiger Erziehungsfaktor, und es
sollte alles gethan werden, ihn zu stärken, aber nichts, ihn entbehrlich zu machen. . . .
Wenn für familienlose Kinder ein Ersatz des Familienlebens durch Kinderbewahranstalten,
Kindergarten und Knabenhorte zu schaffen versucht wird, so ist dies nur ein Notbehelf,
und wenn diesen gegenüber durch Schulbäder, Schulküchen, Schulspiele uiib Schul
spaziergänge Pflichten des Hauses von der Schule übernommen werden, so ist dies vom
Dr. Sachse hat diese Gedanken weiter ausgeführt in der Broschüre „Zum
Aussatzschreiben in der Volksschule." Leipzig 1898. Herr Grünweller hat die kleine
Schrift im Novemberheft 1900 besprochen und dabei u. a. bemerkt: „Wenn der Herr
Verfasser nur ein einziges Jahr lang derartige „schöpferische Akte" in einer unserer
Volksschulen nach seiner eigenen Theorie leiten und gewissenhaft korrigieren müßte, dann
würde er die Phantasie dahin wünschen, wo der Pfeffer wächst, wenn ihm nicht das
Wünschen und vieles andere in dieser Zeit ganz vergangen wäre." Demgegenüber
möchte ich feststellen, daß Dr. Sachse zunächst Lehrer und späterhin Leiter (Direktor)
einer sächsischen Volksschule war.
2 ) Vgl. dazu u. a. Otto: . Gerade im Religionsunterricht zwingen oft auch tüchtige
Lehrer den Schülern mit der Schulsprache auch Schulgedanken auf, ehe sw versuchen,
der Kinder eigenen Gedankenkreis zu ergründen" (die Wunder Jesu in der Schule) und
Katzer: „Wer will sagen, was in der Seele eines Kindes geschieht, ohne daß es immer
offen und mutvoll zu tage tritt, wer, was unbemerkt von den Pädagogen an Vor
stellungen und Anschauungen in der Stille des inneren Lebens sich bildet." (Juden
christentum.)

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