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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
sprechen, wenn wir auch dem Verfasser nicht darin beistimmen können, daß die
Ursache der erwähnten Erscheinung nur in der socialdemokratischen Gesinnung der
Eltern zu suchen ist. Sie liegt vielmehr darin, daß durch die immer schärfer
hervortretende Ausprägung des staatlichen Charakters der Volksschule die Kluft
zwischen Schule und Haus je länger je mehr vertieft wird. Jedenfalls ist es
im Interesse der Schule dankbar zu begrüßen, daß uns diese Wahrheit auch von
anderer Seite recht eindringlich nahegelegt wird.
3. Kann jeder normale Schüler zeichnen lernen?
Zu dieser zeitgemäßen Frage äußert sich Dr. H. Cohn im „Pädagogischen
Archiv", 42. Jahrgang, Heft 2 wie folgt:
Die Schule soll allgemeine Bildung gewähren. Von Ort zu Ort. von Zeit zu
Zeit entspricht diesem Begnff ein verschiedener Inhalt. Bei der großen Bedeutung,
welche in der Gegenwart die Beobachtung für Forschung wie Praxis gewonnen hat,
gehört richtig sehen lernen zu den Hauptzielen allgemeiner Bildung, wie ja der richtige
Gebrauch der Sinne und namentlich des Auges, welches uns vor allem die Kenntnis
der Außenwelt vermittelt, überhaupt eine Grundlage der Erziehung sein sollte. Die
Beobachtung zu schärfen, das Auge sehen zu lehren, ist die Übung im Zeichnen sehr
geeignet. Aus den angeführten Thatsachen würde sich der Schluß ergeben, daß Zeichnen
einer der wichtigsten Unterrichlsgegenstände sein müßte. Nun werden die angeführten
Thatsachen kaum bestritten, aber dem Zeichnen den ihm gebührenden Platz im Unterricht
einzuräumen, sträubt sich der Horror vovi. Er versteckt sich hinter der Phrase, daß
Zeichnen Sache der Begabung sei. Fest steht nach allgemeiner Überzeugung, daß es gut
wäre, Zeichnen zu lernen, die Frage ist, ob dies jedem normalen Kinde möglich oder
eine besondere Gabe hierzu erforderlich ist. Es mag zugegeben werden, daß die Er
gebnisse des Schulunterrichts im Zeichnen nicht besonders glänzend sind. Wenn aber
so häufig der gute Schüler ein schlechter Zeichner ist. so liegt das nicht durchweg daran,
daß er für Zeichnen schlechter veranlagt ist, sondern die Leistungen in Sprachen und
andern Schulgegenständen hindern die Entwicklung seiner Fähigkeiten für das Zeichnen.
Ein Baum, der an sich hätte kräftig werden können, verkümmert, wenn ein stärkerer
daneben gepflanzt wird.
Beim Kinde ist die Gabe der Beobachtung in hervorragendem Maße vorhanden.
Welcher Fülle von Empirie bedarf das Kind, um sich im Raum zurecht zu finden,
welche Freude hat solch kleines Ding an schönen Farben und glänzenden Gegenständen.
Diese Fähigkeiten, welche sozusagen angeboren sind, unterdrückt die Erziehung. Hat so
ein kleiner Staatsbürger entdeckt, was seinen Verstand beschäftigt, und fragt er nach
dem Warum, so wird er freundlich aufgefordert, seine Nase ins Buch zu stecken, damit
er etwas lerne, und wenn das Kind dieser Aufforderung folgt, so ist es mit dem
eigenen Sehen meist zu Ende. Ausgenommen wenn der Vater ein Handwerker oder
ein Künstler ist. Es ist bekannt, daß Knaben häufig den Beruf des Vaters ergreifen.
Soll man das auf eine besondere vererbte Begabung zurückführen? Ich glaube nicht,
daß es z. B. eine Specialbegabung für Schuster, Schneider, Tischler und andere Hand
werker giebt. Ein Mensch, bei dem Augen und Hand normal sind, wird das eine
Handwerk wie das andere erlernen können. Es findet aber vorzugsweise eine Succession
in den väterlichen Beruf statt. Aus einem sentimentalen Grunde — was der Vater
thut, ist wahrscheinlich gut — und einem mechanischen — eine Menge Handgriffe des
Berufes fliegen dem Jungen durch bloßes Zusehen zu - findet sich der Junge in den
Beruf des Vaters, wie man sagt, spielend. Das Nest ist gemacht. Dieselbe Erscheinung
findet sich nun auch in der Kunst. Das Komponieren besorgt für den Maler, zum
mindesten der Landschaftsmaler, der liebe Gott. Für den Dichter ist die schöpferische
Phantasie, für den Komponisten musikalische Erfindu-'g Haupterfordernis, während für
den bildenden Künstler Erfindung und Phantasie zwar wünschenswert, aber nicht ab
solut nötig sind. Für seine Kunst ist andererseits technisches Können die erste Voraus
setzung. Beim Dichter und Komponisten ist die schaffende Thätigkeit wesentlich innerlich,
soll sie auf die Sinne wirken, muß der reproduzierende Künstler dazwischen treten.
Anders in den bildenden Künsten, welche unmittelbar sinnlich sind — und für welche
daher weit eher eine Durchschnittsfähigkeit im normalen Menschen vorauszusetzen ist.

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