Anregungen.
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Die Schwierigkeit, malen zu lehren, steht mit der Möglichkeit, komponieren oder dichten
zu lehren, nickt auf einer Stufe, sie ist der Schwierigkeit ähnlich, das Geigenspiel oder
die Schauspielkunst beizubringen Wieviel Dutzend vortrefflicher Geiger giebt es im
Verhältnis zu der geringen Zahl guter Komponisten, und passable Dilettanten zu werden,
bringen gar tausende fertig. Ist dies richtig, so müssen die bildenden Künste familien-
und ortsweise als Beruf gewählt worden sein. Und nicht nur künstlerische Thätigkeit
überhaupt, sondern wieder jeder besondere Zweig künstlerischer Thätigkeit muß in be
stimmten Familien und Orten besonders heimisch sein. Die Kunstgeschichte beweist die
Richtigkeit dieser Annahme. Im Gegensatz zum Dichten und Komponieren, welche ganz
besondere Fähigkeiten voraussetzen und welche der Sohn seinem Vater nicht „absehen"
kann, vererbt sich der Beruf des Kupferstechers oder Malers wie der des Schneiders
oder Schuhmachers. Man darf deshalb annehmen, daß es sich hier bis zu einem ge
wissen Grade um technische Fähigkeiten handelt, welche in geeigneter Weise einem
normal veranlagten Menschen beigebracht werden können. (Aus der Zeitschrift: Der
deutsche Schulmann, Heft 11, Jahrgang 1901.)
Wir bitten die Leser des Schulblattes, auf Grund obiger Bemerkungen die
Frage zu erwägen: Ist unser Schulzeichnen aus dem richtigen Wege?
Anregungen.
Pfarrer Hansjakob über das Auswendiglernen. In seinem
Werke „Abendläuten" spricht sich der bekannte Bolksschriftsteller Pfarrer Heinrich
Hansjakob auch über das viele Auswendiglernen aus. Er war nämlich auf
einer seiner Wanderungen durch den Schwarzwald Zeuge, wie eine Frau einem
jungen Lehrer bittere Vorwürfe darüber machte, weil er ihren Kindern zuviel
aufgebe und denselben so viele „Tatzen aufmesse", wenn sie ihre Aufgaben nicht
könnten. Pfarrer Hansjakob nahm den Lehrer in Schutz, indem er der Frau
klar machte, nicht dieser sei schuld, daß ihre Kinder so viel lernen müßten, was
sie im späteren Leben nicht brauchten; diese Weisheit käme von oben, beziehungs
weise von unten, von Karlsruhe, und werde dem Lehrer befohlen. — Dem
Lehrer riet er alsdann unter vier Augen, die Kinder armer Leute, denen es
tagsüber oft an Zeit und abends an Licht fehle, milder zu behandeln und nicht
zu schlagen, da sie durch ihre Lebensstellung schon geschlagen genug seien. Im
Anschluß an diese Begebenheit äußert sich alsdann Hansjakob über das viele
Memorieren im Religionsunterricht wörtlich also: ,,Aber, um gerecht zu sein,
will ich auch sagen, daß selbst im Religionsunterricht viel zu viel auf das Aus
wendiglernen gehalten wird. Da giebt es Katecheten, bei denen die Kinder
geplagt werden, bis sie eine biblische Geschichte wörtlich hersagen können. Ich
meine, daß sei sinnlose Dressur und Gehirnplage. Man mache es doch, wie jede
alte Großmutter, die ihren Enkeln mit dem gesunden Menschenverstand in schlichten
Worten Geschichtchen erzählt und die Kinder wieder ebenso schlicht sie nacherzählen
läßt. Aber es ist ja viel leichter, den Kleinen zu sagen: „Die und die Ge
schichte wird aufs nächstemal auswendig gelernt," als es zu machen wie die
Großmutter. Doch Christus, der Herr, hat gesagt, man solle seine Wahrheit
lehren und nicht auswendig lernen lassen. Die besten Christen lebten in jenen
Jahrhunderten, da man den Menschen das Christentum durch mündliche Lehre
und nicht durch Bücher und durch Auswendiglernen beibrachte."
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