146 I. Abteilung. Abhandlungen.
kann es auch sprachlich nur vollkommen gekennzeichnet werden durch Hinweis auf
seinen Ursprung.
Um es also noch einmal zu sagen: Es sind stets konkrete, durch die
Dichterphantasie gestaltete und darum originale Anschauungen oder Vorstellungen,
die ein ebenso originales Gefühl erzeugen und mit diesem zusammen ein lyrisches
Gedicht ausmachen. Und was der Dichter in seiner Seele geschaut und gefühlt,
dem hat er zugleich die sprachliche Form gegeben, die es ihm möglich macht,
sein Inneres nun auch zu äußern und seinen Mitmenschen zu vermitteln.
Wie geht diese Übermittelung nun vor sich? Wie genießt der Hörer oder
Leser ein Gedicht? Von einem bloßen Erguß des Gefühls aus des Dichters
in des Lesers Seele mit Übergehung der Anschauung kann nicht die Rede sein.
Das ist ohne weiteres klar. Gefühle können sich nicht aus sich selbst erzeugen.
Der Genießende muß also, wenn er zu dem Gefühl gelangen will, denselben
Weg gehen wie der Dichter; er muß das Gedicht gleichsam nachschaffen. Es
muß sich auch in seiner Seele eine ganz ursprüngliche, reich mit konkreten Zügen
ausgestattete Anschauung bilden. Aber die Kraft seiner Phantasie reicht nicht
aus, selbständig aus den äußeren Eindrücken und den Elementen des frühern
Seeleninhaltes solch ein Gebilde zu gestalten. Da steht ihr nun das wort
geformte Gedicht bei. Die Worte leiten sie an zu der Arbeit; sie führen der
Phantasie gleichsam die Hand beim Entwurf der Anschauung. Hören wir z. B.
die Worte:
Gelasien stieg die Nacht ans Land,
Lehnt träumend an der Berge Wand-
Ihr Auge sieht die goldne Wage nun
Der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn.
Und kecker rauschen die Quellen hervor,
Sie singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr
Vom Tage,
Vom heute gewesenen Tage:
hören wir diese Worte, so schauen wir die Nacht nicht mehr mit unserm eignen
Auge, sondern mit dem des Dichters oder besser, mit dem unserer Phantasie,
die nun durch den Dichter sehen gelernt hat. Bisher faßten wir das Herauf
kommen der Dunkelheit, der Nacht ganz naturwissenschaftlich-objektiv auf; die
Anschauung, welche in unsrer Seele davon entstand, war die einfache Gleichung
des äußern Vorgangs. Nun aber werden uns die Vorstellungen, die wir in
unserm Innern von „gelassen", träumend u. s. w. haben, durch die ent
sprechenden Worte des Gedichtes ins Bewußtsein gerufen. Letztere zwingen uns
gleichzeitig durch die Art, wie sie grammatisch auf das Wort „Nacht" bezogen
sind, diese ihren Inhalt ausmachenden Vorstellungen mit der wirklichen, sinnlichen
Anschauung der Nacht zu verbinden, sie in dieselbe hineinzudenkeu. So geben
wir der Nacht, indem wir ihr seelische Eigenschaften „andichten", Seele, Leben.

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