Zur Psychologie des lyrischen Genusses.
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Das geschieht natürlich ohne unsre bewußte Willensthätigkeit, ganz unwillkürlich
und unbewußt. Wir schauen die Nacht nun auch als eine Gestalt, nicht als
deutlich umrissene Menschengestalt, sondern eben als Nachtgestalt und traumhaft
dunkel. Wenn Avenarius sagt: „Sie ist aus ihm (dem Dichter) entstanden,
wie eine Gestalt des Traumes aus des Schläfers Seele entsteht, und genau
wie im Traume ist er sich dessen nicht im mindesten bewußt, empfindet er sein
Geisteskind als ein von draußen kommendes, draußen stehendes Wesen," so gilt
das nunmehr, bei wirklicher Hingabe an das Gedicht, auch von uns. . Gewinnt
auf diese Weise die Phantasieanschauung des Dichters in unsrer Seele Gestalt,
dann bleibt uns auch das Gefühl nicht aus, das ihn durchschauerte. Denn jede
der Einzelvorstellungen, aus denen sich das Phantasiebild zusammensetzt, ist von
einem bestimmten Gefühl begleitet, hat Gefühlswert. So flößt uns z. B. die
Vorstellung der gelassen aufsteigenden Nacht ein gewisses Gefühl erhabener Ruhe
ein, das man eigentlich nicht genau bezeichnen kann, das aber wohl jeder un
mittelbar empfinden wird. Ebenso überkommt uns bei der Vorstellung der
träumenden Nacht ein Gefühl, wie es unsre eignen wachen Träume zu begleiten
pflegt, das aber hier noch einen besondern magischen, mystischen Reiz erhält.
Ferner denke man etwa an das „uralt' alte Schlummerlied" (aus der zweiten
Strophe) oder an die im Schlafe noch vom Tage plaudernden Quellenkinder.
Und, vielleicht durch diese Gefühle oder die entsprechenden Vorstellungen wach
gerufen, regen sich andere Gefühle, (sie „schwingen mit") die bei frühern
konkreten Erscheinungen des Gelassenen, des Träumens u. s. w. unsre Seele
durchzogen haben. All diese Einzelgefühle nun verweben sich, gehen in einander
auf zu einer einheitlichen Stimmung. Verstärkend tritt wohl noch hinzu die
gefühlsmäßige Anerkennung des Treffenden, der Angemessenheit, der tiefen
Wahrheit dieser Beseelung der Nacht, also ein Gefühl des ästhetischen Beifalls.
Beide aber, Stimmung und Phantasieanschauung, bedeuten für den Leser
ein „Neugut", das er zwar nur durch Vermittelung des Dichters erlangt, aber
doch selbst aus Elementen des eigenen Seeleninhaltes in sich erzeugen muß.
So wird uns also das Gedicht zum offenbarenden Erlebnis; aber nicht,
wenn wir es zu irgend einer beliebigen Tageszeit flüchtig lesen, sondern nur,
wenn wir uns an der Hand des Gedichtes dem Naturbilde hingeben und unsrer
Phantasie Zeit lassen, die poetische Anschauung nachzuschaffen.
Zur Nachbildung der Phantasieanschauung, die in dem oben behandelten
Gedichte zum Ausdruck kommt, waren neben den äußern Eindrücken Elemente
unsers frühern Seeleninhaltes erforderlich. Das ist wohl bei allen lyrischen
Gedichten, meist in noch stärkerem Maße, der Fall. Es kommt also darauf an,
ob in uns die Elemente vorhanden sind, deren die Phantasie bei ihrer nach
gestaltenden Thätigkeit bedarf; psychologisch ausgedrückt, ob wir die Wörter des
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