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I. Abteilung. Abhandlungen.
Gedichtes richtig apperzipieren, mit den entsprechenden Vorstellungen begleiten.
Denn der Dichter giebt uns ja, pedantisch genau genommen, nur eine Reihe
von Wörtern, die zwar für ihn der sprachliche Ausdruck inhaltreicher Vor
stellungen und lebendiger Gefühle, aber an sich doch bloße Lautmafsen, Wort
klänge sind. Die Sprache ist eben keine Verkörperung der Gedanken wie etwa
die bildende Kunst. Lazarus hat im wesentlichen recht, wenn er sagt: „Eine
Statue, ein Gemälde ist ein verkörperter Gedanke; d. h. im Stein und auf
der Leinwand in den Farben ist wirklich ein Inneres, ein Bild enthalten. Wenn
ich die Statue ansehe, so empfange ich vermittelst des Auges ein sinnliches Bild,
und mit dem sinnlichen Bild eben den Gedanken, d. h. das innere Bild,
welches der Künstler gedacht und im Stein ausgeprägt hat. Nicht so im
Worte; das Wort, das Lautgebilde, welches mein Ohr vernimmt, enthält nichts
vom Gedanken, wenn ich das Wort, die Töne höre, so muß ich aus mir selbst
mit ihnen den Gedanken verbinden." Die Wörter haben also nicht die Kraft,
in der Seele des Hörers ohne jegliches geistige Material, rein aus nichts, eine
Phantasieanschauung hervorzuzaubern. Nur wenn sie auch in ihm als Laut
zeichen an dieselben Vorstellungen geknüpft sind wie beim Dichter, also an die,
welche durch das Herkommen ihre Bedeutung, ihren „Sinn" ausmachen, werden
sie für ihn zur Sprache, zum Ausdrucksmittel der Dichterseele. Nun auch erst
können sie den Zweck erfüllen, den sie im Zusammenhange des Gedichtes haben.
Sie bestimmen durch die Art ihrer Verbindung und ihrer grammatischen Form
die Vorstellungen des Hörers, sich zu einer Phantasieanschauung zusammen
zuschließen, die mit der des Dichters Ähnlichkeit hat.
Es ist ja nun kein Zweifel, daß sich jeder Leser unter den Wörtern über
haupt etwas und auch wohl etwas Zutreffendes denkt. Aber sehr verschieden
ist die Klarheit der wachgerufenen Vorstellungen, ihr Reichtum an konkreten
Einzelzügen bei den verschiedenen Lesern. Mancher Städter z. B. hat von dem
Leben und Weben der Natur, vom Wachsen und Werden des Frühlings nur
eine ganz blasse, schematische Vorstellung, der jede anschauliche Frische und Fülle
mangelt, vor allem hat sein Gemüt keine tiefere Beziehung zur Natur gewonnen.
Seine Auffasiung des Uhlandschen Gedichtes „Frühlingsglaube" wird an Klar
heit und Tiefe hinter der eines Menschen, der mit der Natur vertraut und in
ihr heimisch ist, weit zurückstehen. Wird er aber gar den seinen Anschauungs
und Gefühlsinhalt der „sanften Tage" in sich nacherzeugen können? Man
denke nur an die zweite Strophe:
Dann steh' ich auf dem Berge droben,
Und seh' es alles, still erfreut,
Die Brust von leisem Drang gehoben,
Der noch zum Wunsche nicht gedeiht.

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