150
I. Abteilung. Abhandlungen.
männlicher Dichter Gefühle des Weibes schildert. Das non plus ultra seines
lyrischen Könnens wird er aber so schwerlich erreichen.
Die Gebundenheit des Verständnisses poetischer Erzeugnisie an die Er
fahrung und Phantasie des Einzelnen ist, neben manchem andern, die Ursache
der geringen Verbreitung unsrer wirklich großen Lyriker, deren Gedichte eben
aus einer ungewöhnlichen Tiefe der Erfahrung beruhen. Umgekehrt versteht man
von hier aus die Beliebtheit der lyrischen Mittelmäßigkeiten, die allbekannte Ge
fühle in wohlklingenden Versen aussprechen.
Im Grunde sind all diese psychologischen Erörterungen ja ziemlich selbst
verständlich. Aber sie sind leider nur nicht immer von selbst verstanden worden.
Wären sonst die Forderungen, die sich aus ihnen für den Leser, den Konsu
menten der Lyrik, ergeben, so oft mißachtet worden? Hätten die Genießenden
sonst so ihre Pflichten gegen den Dichter vergessen können? Wie manchmal
legt nicht ein Leser ein Gedicht, wenn es ihm nach einmaligem Durchlesen nicht
gefällt, beiseite und schiebt die Schuld ohne weiteres dem Dichter zu. Ich will
nicht das bekannte Lichtenberg'sche Wort vom Zusammentreffen eines Buches
und eines Kopfes citieren; aber ist es nicht höchst oberflächlich, nach einmaligem
Lesen über ein Gedicht abzuurteilen? Oben ist hervorgehoben, daß die Phantasie
Zeit braucht zur Nachgestaltung der dichterischen Anschauung. Da reicht natürlich
das flüchtige Durchlesen nicht aus, sondern wir müssen Zeile für Zeile der
Seele die Zeit lassen, die Vorstellungen ins Bewußtsein zu schaffen, die der
Dichter mit seinen Worten verbunden wissen will, die also den seinigen, wenn
auch nicht deckungsgleich, so doch sehr ähnlich sind. So versenken wir uns in
ein Gedicht. So auch nur merken wir, ob wir die zweite Bedingung zur
rechten Auffassung erfüllen, ob nämlich die erforderlichen Erfahrungen, Vor
stellungen überhaupt in uns vorhanden sind. Hoffentlich ist aus meinen Aus
führungen recht deutlich geworden, daß diese Bedingung eigentlich die allererste
und allerwichtigste ist. Wie oft wagt nicht der Leser über ein Gedicht zu
urteilen, häufig mit Ausdrücken wie „überspannt", „unwahr" u. s. w., das
doch ganz außerhalb seines Anschauungs- und Gefühlskreises liegt, über das zu
urteilen er also gar kein Recht hat. Hier heißt es eben, sich ehrlich die
mangelnde Erfahrung einzugestehn. Selbstverständlich wird man und darf man
aber das Gedicht nicht dauernd beiseite legen. Die Erfahrung kommt eben mit
den Jahren auch für solche Poesieen, und manches einst dem Gemüte fern
liegende Gedicht kann nach Zeiten unserm Herzen ein kostbares Gut werden.
Es sei mir zum Schluß noch gestattet, kurz darauf hinzuweisen, welche
Wichtigkeit die Kenntnis der oben behandelten psychischen Vorgänge für den
Lehrer, besonders den Volksschullehrer hat. Denn die Empfänglichkeit des Kindes
für ein lyrisches Gedicht ist natürlich an dieselben Voraussetzungen gebunden wie
die des Erwachsenen. Da es auch die poetische Anschauung nachschaffen muß,

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.