Ist neben dem belletristischen Lesebuche ein Reallesebuch notwendig? 153
ihnen eine gezierte Sprache anbilden wollte, die dann leicht Einbildung und
Unwahrhaftigkeit im Gefolge haben könnte. —
Wenn ich vorhin sagte, daß das sprachliche Lesebuch selbstverständlich
solche und ähnliche Lesestücke wie die genannten zu bieten habe, so soll dadurch
ausdrücklich betont sein, daß die Freunde des Reallesebuches das schönsprachliche
Lesebuch nicht etwa gering schätzen, sondern im Gegenteil erst recht zu würdigen
wissen, indem sie es dazu gebrauchen, wofür es da ist. Und darum genießen
sie auch ganz den Vorteil, den das sprachliche Lesebuch für die Realien zu bieten
vermag. Sie verlangen durch ihre Voraussetzung des Reallesebuches eben noch
ein Plus zu dem, was das sprachliche Lesebuch leisten kann.
Das Gesagte dürfte hinreichen, um erkennen zu lasten, daß die Sprache
des belletristischen Lesebuches sich überhaupt gar nicht einmal dazu eignet,
daß der schlichte Volksschüler in ihr reden soll.
Thatsache ist ferner, daß die am schönsprachlichen Lesebuche gewonnene Lese
fertigkeit nicht ausreicht. Bloß im Blicke auf die Zeit läßt sich auch schnell
erkennen, daß die erforderliche Lesefertigkeit am sprachlichen Lesebuche allein nicht
gewonnen werden kann. —Von den 8, bezw. 7 Deutschstunden gehen 2 Aufsatz
stunden, 2 Stunden für Sprachlehre und 1 Stunde für Orthographie ab.
Außerdem aber geht dem Üben im Lesen noch die Zeit für die Durch
arbeitung der Lesestücke verloren. Es bleibt also wöchentlich I, bis höchstens Vk
Stunden Zeit übrig für das Üben im Lesen, wenn das Lesen bloß im sprach
lichen Lesebuche geschieht. Diese Zeit auf 70 Kinder verteilt, macht aus jedes
Kind rund eine ganze Minute für das Üben im Lesen. — Rechne ich
nun noch ein, daß ja Chorlesen stattfindet, und daß die Schüler still mitlesen,
so giebt es ja etwas mehr; aber nicht viel. — Von welcher Bedeutung aber
die Lesefertigkeit für den Schüler ist, darüber will ich solchen Männern das
Wort lassen, deren Bedeutung wohl von keinem angezweifelt wird. Diesterweg
sagt: „Der Standpunkt der Lesefertigkeit bietet einen Maßstab zur Beurteilung
des allgemeinen Zustandes der Schule. Denn das Lesen ist nicht eine ver
einzelte, von dem übrigen Geistesleben und der Gesamtbildung losgerissene
Fertigkeit, sondern ein Resultat der ganzen Bildung. Einen der größten Vor
teile, den die Kinder aus dem Schulbesuche mitnehmen können, ist der, daß sie
gut lesen können." Und Pr. Dittes, der mit Diesterweg darin einverstanden
ist, sagt: „Man scheint zu meinen, eine so leichte Sache mache sich von selbst,
wenn nur das ABC gelernt sei, und überdies hat man mit allerlei Wissen
schaften soviel zu thun, daß für das Lesen wenig Zeit und Interesse bleibt.
Das ist sehr zu beklagen. Um ein geläufiges und gut betontes Lesen zu er
reichen, also den Kindern zur eigentlichen Lesetechnik zu verhelfen, muß der
Lehrer den Leseübungen viel Zeit einräumen." So diese beiden Schulmänner.
Wenn nun das Lesen einen sehr bedeutenden Teil der Sprachbildung ausmacht,

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