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L Abteilung. Abhandlungen.
Schüler stattfindet, der erstere weniger spräche als bisher. Da nun die
methodische Behandlung genau vorschreibt, was da Rechtens ist, und da man
annehmen muß, daß das auch geschieht, so kann in den Sprach stunden
für den Schüler unmöglich mehr Raum zum Sprechen gewonnen werden.
Zugleich möchte ich dabei bemerken, daß aus ähnlichen Gründen auch in den
realistischen Fächern eine Mehrübung im Sprechen nicht gewonnen werden
kann. Denn was dort an Unterredung vorkommt, kann nur den Zweck haben,
dem Sachlernen zu dienen. Jedes Mehr in der Sprachschulung würde dem
sachlichen Lernen abgebrochen werden. Damit ist bewiesen, daß ein Mehr
im Sprechen nicht erzielt werden kann.
Wenn es nun nicht möglich ist, die Kinder im Sprachunterrichte
mehr sprechen zu lassen, so würde es sich fragen, ob sie dort nicht mehr lesen
könnten als bisher? — Wie wir schon sahen, ist das im Blick auf die Zeit
nicht möglich. Das Nächstliegende Mittel würde sein, die Zahl der Lesestunden
zu vermehren. Daraus würde dann folgen, daß man die Zahl der Stunden
in den übrigen Unterrichtsfächern vermindern müßte. Da aber die Stundenzahl
in Religion, Geschichte, Naturkunde u. s. w. ohnehin eine geringe ist, so wird
man nicht gewillt sein, hier noch abzustreichen.
Vielleicht ließe sich aber in den Deutschstunden selbst mehr als bis jetzt
lesen? Dort ist eine zweifache Aufgabe zu lösen: der Inhalt der Leseslücke
ist zum Verständnis zu bringen, und die Schüler müssen sich im Lesen üben.
Wollte man die Leseübung vermehren, so würde man die Erklärung
beschränken müssen; mithin würden die Schüler nur Halbverstandenes lesen,
und das wird niemand befürworten wollen.
Wenn nun in der Schule nicht mehr gelesen werden kann, so könnte man
vielleicht das häusliche Lesen mehr in Dienst nehmen.
Leider läßt sich auch dieser Gedanke auf dem Boden des Sprach
unterrichts nicht ausführen. Denn ein vermehrtes häusliches Lesen
bedingt, daß mehr Lesestücke durchgesprochen werden. Da dafür einfach keine
Zeit da ist, so ist auch dieser letzte Ausweg abgeschnitten, und daraus ergiebt
sich die Unmöglichkeit, das häusliche Lesen mehr, als bis jetzt geschehen ist,
auszunutzen.
Demnach steht fest: Es ist nicht möglich, den Kindern durch den Sprach
unterricht mehr Gelegenheit zum Lesen zu geben, als bisher geschehen ist;
mithin läßt sich auf diesem Wege ein höheres Maß von Fertigkeit (Können)
nicht erreichen. —
Sehen wir noch zu, ob nicht mehr memoriert werden könnte? Bedenkt
man aber, was das Kind alles in Religion, im Sprachunterrichte und im Ge
sänge zu memorieren hat, so wird man ihm darin sicher keine weiteren Leistungen
zumuten, jedenfalls keine häuslichen.

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