Ist neben dem belletristischen Lesebuche ein Reallesebuch notwendig? 161
Somit ist ausgemacht: Auf dem Boden des eigentlichen Sprachunterrichts
läßt sich weder mehr im Sprechen, noch im Lesen, noch im Memorieren leisten,
als bis jetzt geschah, und deshalb läßt sich von dort aus eine größere Fertigkeit
in der Mundsprache nicht erzielen. —
Glücklicherweise giebt es doch noch eine Stelle, wo das so wichtige Lesen
und Memorieren eine größere Ausdehnung gewinnen kann — und zwar ohne
Beeinträchtigung einer andern Lernausgabe. Diese Stelle ist der Sachunterricht,
also hier die Realien.
Daß der Lehrer die Aufgabe hat, den realistischen Stoff zur deutlichen An
schauung zu bringen, und daß dies, sowie die erste Wiederholung vermittelst
des freien mündlichen Lehrwortes geschehe, wobei in der Naturkunde die Objekte
sinnlich vorzuführen sind, ist oben bereits deutlich und bestimmt gefordert worden.
Auch ist ausgemacht, daß eine einmalige Wiederholung nicht ausreicht zur
Befestigung des Stoffes, sondern daß für diesen Zweck mehr geschehen muß.
Wir haben ferner erkannt, daß eine mündliche Wiederholung schon um des
Sachlernens willen unzweckmäßig ist, und zwar aus vielen Gründen. Noch
viel unzweckmäßiger als für das Sachlernen ist aber eine zweite Wiederholung
für die Sprachbildu n g. Da eine solche Wiederholung keine Abwechselung
bietet, so schädigt die Langeweile nicht nur das Sachlernen, sondern eben so
sehr das Lernen der Sprache. Dazu kommt, daß die Kinder bei der
mündlichen Wiederholung zumeist nur die ungelenke, unvollkommene, mangel
hafte Sprache der Mitschüler hören, viel mehr als die gebildete Sprache
des Lehrers. — Welche Sprachform wird sich nun in Ohr und Zunge der
Kinder festsetzen, das, was sie am meisten oder das, was sie am wenigsten
hören? Um so ungelenker und unvollkommener muß die Sprache der Kinder
bleiben. Die Schule steht sich selber im Lichte.
Nehmen wir nun an, daß dieses zweite Wiederholen durch das Lesen
des betreffenden Stückes im sachlichen Lesebuche geschehe. Damit gewinnen
wir folgende Vorteile für das sprachliche Lernen:
Erstlich: Da die Wiederholung in einer neuen Form auftritt, so ist
sie interessanter und die Auffastung richtiger Sprachformen leb
hafter. — Zum andern kommt den Kindern nichts sachlich und sprachlich
Mangelhaftes in Ohr und Auge, sondern nur das Richtige. Drittens
basiert dieses Einprägen nicht auf einem Sinne, sondern Ohr, Auge und Mund
sind zugleich thätig, wodurch das Behalten erleichtert und gesichert wird,
Da nun die zweite Wiederholung um des sachlichen Lernens willen
nötig ist, mithin die Zeit dafür verfügbar sein muß, so wird durch
dieses repetierende Lesen nicht nur keine andere Lernaufgabe beeinträchtigt,
sondern vielmehr einer solchen gedient. — Weil nun dieses Repetieren, wenn es
lesend geschieht, keine andere Lernaufgabe einschränkt, vielmehr dem sachlichen
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