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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
socialer Hinsicht sür unnatürlich, in ethischer Hinsicht für ungerecht und demo
ralisierend erklärt. Und das war „der treue Sohn der Kirche, der tiefreligiöse
Mann, der Schulmeister von Gottes Gnaden, der tapfere Rektor", der so zu
sprechen sich durch sein Gewissen getrieben fühlte.
Hier wird das Gerede zu schänden, das man oft noch hören kann: Die
Parole: „Los von der geistlichen Herrschaft" sei die der Kirchenfeindschast und
des Religionshasses. Der Wind pfeift wirklich aus einem andern Loche als
damals, da allerdings die liberale Partei Lerrat an der Schule, an der Kirche
zu üben gedachte, da sie jene durch die Simultanschulforderung an den omni
potenten Staat zu verkaufen gedachte, ihren eigenen Principien völlig untreu
werdend, und als die Lehrerschaft in großer Stärke sich an die Rockschöße dieses
Afterliberalismus hing. — Wir sehen heute eine andere Lehrerschaft vor uns,
wenn auch der Gesundungsprozeß noch nicht als beendet anzusehen ist.
Im Folgenden möchte ich darlegen, was die Ausführungen Beyhls den
Interessenten, den Geistlichen und Lehrern, aber auch der politischen Partei zu
sagen haben, die diesen Gedanken in ihrem Jahrbuch Raum gelassen hat.
1. Zunächst die Geistlichen. Ich will nicht berühren, daß der geschicht
liche Überblick über die Selbständigkeitsbewegung des Schulwesens gegenüber dem
geistlichen Amte, wie er S. 12—25 gegeben wird, fast unwidersprechlich die
Loslösung der Volksschullehrer von der geistlichen Herrschaft als eine geschichtliche
Notwendigkeit darlegt, die über kurz oder lang kommen muß, der sich entgegen
zustellen kurzsichtig wäre. Auch die pädagogisch technischen Schwierigkeiten des
jetzigen Verhältnisses will ich nicht erörtern. So viel ist klar, daß die Aufsicht
über die Schulen einen ganzen Mann erfordert, der das vollkommene Rüstzeug
einer technischen Fachbildung besitzt. Es ist unvermeidlich, daß Lokalschulinspeknon
im Nebenamte Gleichgültigkeit und Geringschätzung gegen das Schulwerk zu"
Folge haben muß. Jedenfalls werden die Männer der Kirche nicht das können,
was nötig ist, nämlich mit eifersüchtiger Liebe für Wohl und Wehe der Schule
sorgen. Es wird doch sein, wie Dörpfeld einmal ausführt: Ein staatskirchliches
Schulwesen, dessen Verbindung mit der Kirche sich dem Lehrerstande zunächst
nur durch seine Abhängigkeit von der Geistlichkeit fühlbar macht, wird auf die
Dauer für die Kirche genau dasselbe sein, was die polnischen Besitzungen für
Preußen sind, nämlich eine offene Wunde.
Aber mehr als das: das Gewissensproblem pocht an die Thore der Konsi
storien, an die Thüren der Pfarrhäuser rc. Wird es aus ihnen heraustönen:
Es ist nicht ratsam, etwas wider das Gewissen zu thun? „Ein Stand ohne
Seelsorger", so hat Beyhl den ersten Aufsatz in der Hilfe genannt. Hier muß
der Hebel angesetzt werden. Ein Beispiel zur Erläuterung: Ein Lehrer hat acht
Tage die Schule wegen Krankheit versäumt. Erst am letzten Tage meldet er
seinem Lokalschulinspektor, dem Pfarrer, die Sache. Dieser giebt die Meldung
Klage führend sofort weiter an den Kreisschulinspektor — worauf Verweis von
oben. Der Lehrer erscheint im Pfarrhause und thut Abbitte! — Gewiß alles
korrekt. Des Lehrers Thun war taktlos. — Und doch, welcher Pfarrer fühlte
nicht, daß etwas eingetreten ist, was es ihm schwer macht als Bote des Amtes,
das die Versöhnung predigt, vor diesen Lehrer hinzutreten. Er wird als der
Mann des Gesetzes dastehen, dem man die Botschaft nicht mehr recht glaubt:
Wir bitten an Christi Statt: Lasset euch versöhnen mit Gott. Dieser Lehrer
kann vielleicht Schaden für die Ewigkeit durch diesen Vorfall nehmen, da er

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