Jakob Beyhl. Die Befreiung der Volksschullehrer rc. 171
nicht das Zutrauen fassen kann, sich in Gewissensnöten an seinen „Seelsorger"
zu wenden. Hier ist Gefahr, daß das Amt verlästert werde — von böseren
Mißverhältnissen, wie sie Beyhl in dem Hilfeartikel namhaft macht, werde ge
schwiegen. Jst's da nicht Pflicht, eine Stellung zu löse«, die das Gewissen
eines andern bedrücken kann? Gewiß in den Zeiten der nivellierenden, büreau-
kratisch regierten Staatsschule unter Friedrich dem Großen konnte das Pfarramt
in dieser Stellung der Staatsomnipotenz gegenüber für Gewissensschutz eintreten.
Und das Pfarramt hat das Verdienst, die Gewissen geschützt zu haben, als in
der Simultanschulbewegung die Vergewaltigung der konfessionellen Schule erfolgen
sollte und weite Lehrerkreise dem Afterliberalismus aus Kirchenhaß sich in die Arme
warfen. Aber fühll man's nicht, daß man von dieser Verwirrung zurückkommt?
Zeigt sich nicht gerade in Lehrerkreisen Verständnis dafür, daß auch die Lehrer
kraft des Priesteramtes die Pflicht haben „Haushalter" über Gottes Geheimnisse
an den ihnen auvertrauten Seelen zu sein? Ich will nicht sagen, ob das, was
S. 31 über die Aufgabe der Kirche gesagt ist: Gewinnung der Menschen zur
freiwilligen Mitarbeit an dem übersinnlichen Gottesreich, eine ausreichende
Definition ist, aber wer mit dem Ohre der Liebe hört, der hört aus dem
Worte: „Diese Seeleneroberung ist nur durch die Überwältigung des Menschen
gemütes auf dem Wege der persönlichen Überzeugung möglich" das Wort Pauli
heraus: Die Liebe Christi dringet uns also. Wird das Pfarramt dieses Seufzen
des Lehrcrstandes vernehmen, der da gern den Boten des Friedens, nicht den
Mann des Gesetzes im Träger des Amtes sehen möchte? Gewiß, auch der
Lehrerstand hat ein Schuldkonto dem Pfarramte gegenüber, aber ob dieses Miß
verhältnis nicht oft in der geistlichen Schulaufsicht seine erste Ursache hat? Hier
zeige die Kirche, würdig ihres hohen Berufes, ein großes Vertrauen und bahne
ihrerseits ein neues Verhältnis zwischen Schule und Kirche an, das wirklich ernst
macht mit den reformatorischen Grundprincipien, daß, wie alle irdischen Lebens
gemeinschaften, so auch die Schule in sich gottwohlgefällig und geheiligt sei und
sie sich so nach den Gesetzen ihres eignen Wesens nach göttlicher Ordnung wachs-
tümlich entfalten und ausleben dürfe. — Sollten nicht aus solchen im Wesen
ihres Amtes liegenden Beweggründen gerade diejenigen unter den Geistlichen,
die in herzlicher Gemeinschaft mit ihren Lehrern stehen, sich entschließen, freiwillig
auf dieses Amt zu verzichten, und die einrücken zu lassen, die vielleicht durch sie
selbst ertüchtigt sind, solche Stellungen zu bekleiden? Sollten sie nicht die
Regierung nötigen können, wenigstens mit den falschen Principien zu brechen,
dahin zu wirken, daß neben den Geistlichen, die vielleicht nicht sofort in diesen
Stellungen entbehrt werden können, auch Lehrer in die Lokalschulinspektion ein
rückten. Beyhl schließt mit Recht seine Ausführungen mit dem Mahnruf an
das geistliche Amt: Macht Frieden mit den kämpfenden Volksschullehrern, und
verweist auf das Wort Petri: Weidet die Herde Christi, nicht gezwungen, sondern
williglich, von Herzensgrund; nicht als die über das Volk herrschen, sondern
werdet Vorbilder der Herde.
2. Was hat der Beyhl'sche Aufsatz für die L ehrerwelt zu bedeuten? Zu
nächst kann er dem Lehrer das freudige Bewußtsein stärken: du kämpfst für eine
hoffnungsvolle Sache. Das Schulregiment wird doch schließlich den deutschen
Schulstand auch zu einem wirklichen Stand nicht bloß auswachsen lassen, sondern
ihm in diesem Wachstum behilflich sein. Die Schulgesetzgebung wird auch einen
Lehrerstand, eine Gesamtheit von Berufsgenossen, die sich als Korporation weiß

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.