Rundschau.
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führungen über die Stellung des Religionsunterrichts im Seminar — früher
und jetzt. Früher seien alle Fäden der Bildung im Religionsunterricht zusammen
gelaufen, nach der alten Auffassung habe eben der Lehrer zum vlsrrrs minor
gehört. Dieselbe sei zwar durch die Falk-Schneiderschen Allgem. Bestimmungen
erschüttert worden, dennoch sei schließlich der Geist der Seminarerziehung zum
Religionsunterricht zurückgekehrt. „Die neue Lehrordnung der Seminare," so
sagt er weiter, „führt zielbewußt, sicher und erfolgreich den Plan durch, eine
radikale Volksbildung auf dem Fundament des Deutschtums zu be
gründen. Der ganze Unterricht gravitiert hin zum Unterricht in der Mutter
sprache, und dieser ist so gründlich und umfassend, daß er eine reife deutsch
nationale Bildung der Zöglinge zu gewährleisten vermag." Von dieser Thatsache
erwartet er Umwälzungen der geistigen Signatur unseres Vaterlandes!
Über die Trennung der allgemeinen von der Fachbildung ist er besonders
erfreut. Bisher sei in dem Lehrer der „Mensch" verkümmert, indem man eben
nur den „Lehrer" habe bilden wollen dadurch, daß man ihm die Elemente, das
Wissenswerte, praktisch verwertbar beibrachte, die allgemeine Bildung, wie der
zukünftige Lehrer sie jetzt erhalten solle, habe ihren eigenen, in sich ruhenden Wert.
In den „Pädagogischen Blättern" (1902. Heft 1) behandelt Mu-
thesius die neuen Bestimmungen im Zusammenhang mit der
Seminar lehrerfrage. Indem er die Bestimmungen für die Ober
lehrerinnenprüfung vom 15. Juni 1900 zum Vergleich heranzieht, stellt
er folgende Erwägung an: die neuen Lehrpläne für die Lehrerbildungsanstalten
stellen dem Seminarunterricht Aufgaben, die ihn in unmittelbare Nachbarschaft
zu dem Unterricht auf neunstufigen höheren Lehranstalten bringen; die Lesestoffe
des Seminars liegen weit über denen der Mädchenschulen. Wie steht's nun mit
den Lehrkräften? Mit dem Unterricht an den oberen Klassen der Mädchen
schulen sollen in erster Linie die „Oberlehrerinnen" betraut werden, hier reichen
die bisher verwandten Kräfte, also die seminarisch vorgebildeten Mittelschullehrer
nicht aus. Und nun bedenke man, daß gerade diese letzteren den weit höher
liegenden Zielen des Seminars gerecht werden sollen. Zum Unterricht der 15-
bis 16jährigen Mädchen muß die Oberlehrerin einen weit reicheren „wissen
schaftlichen Besitz" nachweisen als der Seminarlehrer, der 19- bis 20jährigen
Jünglingen einen dem Standpunkt ihrer geistigen Entwickelung entsprechenden
Unterricht erteilen soll. — In den neuen Bestimmungen für die Lehrerbildung
kommt das Wort „wiffenschaftlich" gar nicht vor (in den Allgem. Bestimmungen
an einigen Stellen doch), in denen über die Oberlehrerinnenprüfung 33 mal.
Und ein Vergleich zeigt, daß hier nicht bloß eine Verschiedenheit im sprachlichen
Ausdruck, sondern auch in der Sache vorliegt. Muthesius liefert den über
zeugenden Beweis, „daß die Oberlehrerinnenprüfung bedeutend höhere An
forderungen stellt als die Mittelschulprüfung" (nach der neuen Ordnung). —
Man wird es unterschreiben müssen, wenn Muthesius sagt: Das Problem der
Lehrerbildung liegt weniger in Lehrplänen und Verordnungen, als vielmehr haupt
sächlich in der Regelung des Bildungsganges der Seminarlehrer.
In einem Aufsatze der „Deutschen evangel ischen^Kirchenzeitung"
(Herausgeber Hofprediger a. D. Stöcker) werden die neuen Bestimmungen als
ein durchaus gesunder Fortschritt begrüßt, wenn auch nicht alle berechtigten

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