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I. Abteilung. Abhandlungen.
Wo aber berühren sich die Lebensinteressen des Kindes mit den Grundlagen
der Religion? Wir antworten: in den Erfahrungen des Kindes, die es bis
dahin im Familienkreise gemacht hat, in seinem Verhältnis zu Vater und Mutter.
Und daß wir darin recht haben, beweist sowohl ein Ausspruch des genialen
Pestalozzi, als auch des tiefblickenden Denkers Herbart. Pestalozzi sagt:
„Das sehe ich bald, die Gefühle der Liebe, des Vertrauens, des Dankes
müssen in mir entwickelt sein, ehe ich sie auf Gott anwenden kann. Diese Ge
fühle gehen von dem Verhältnis aus, das zwischen dem unmündigen Kinde und
seiner Mutter statt hat." Das betreffende Wort Herbarts lautet: „Dem Kinde
sei die Familie das Symbol der Weltordnung; von den Eltern nehme man
idealisierend die Eigenschaften der Gottheit."
Es steht uns fest, daß der schulmäßige Religionsunterricht nicht gleich in den
ersten Wochen beginnen kann, sondern daß derselbe fundamentiert werden muß
durch Lehrgespräche über die Beziehung des Kindes zu seinen Eltern, damit dieses
'Verhältnis in dem Kinde nicht ein unklares, allerdings auf Erfahrung beruhendes
Gefühl bleibt, sondern im Kinde zum klaren Bewußtsein erhoben wird. Die
psychologische Brücke zu der Vatergüte Gottes ist die Besprechung der Fürsorge
der Eltern für alle Bedürfnisse des Kindes. Und das Vertrauen des Kindes zu
seinen Eltern in jeder Gefahr muß dem Kinde Abbild werden des Vertrauens
zu Gott. Wie das Kind sich sicher weiß auf seines Vaters Arm, geborgen in
der Mutter Schoß, so soll der Christ sich demnächst ruhig und getrost in seines
Gottes Hand ergeben und es wissen: „Es kann mir nichts geschehen, als was
er hat ersehen, und was mir selig ist." Ja selbst die Gnade Gottes findet
ihr Gegenstück in der verzeihenden Elternliebe (Vergleiche „die Reue" von Krum-
macher).
Aber auch noch nach einer andern Seite hin bedürfen die meisten Kinder
einer Vorbereitung für den Religionsunterricht in Form von biblischen Ge
schichten. Wie spracharm treten doch viele Kinder in die Volksschule ein. Nur
wenige sind es, „denen eine treue Mutter oder Großmutter kleine Kindererzählungen,
so einfach und kindlich vorgetragen hat, daß sie diese in geläufiger Form wieder
geben können. Wie vielen Kindern, besonders aus Arbeiterkreisen, fehlt die
treue mütterliche Erziehung so gut wie ganz. — Noch schwieriger liegen die
Verhältnisse dann, wenn die heimische Mundart völlig von der hochdeutschen
Schulsprache verschieden ist, wenn wie in den Landschulen im ganzen platt
deutschen Sprachgebiet, das Kind zunächst noch gar kein Wort hochdeutsch versteht
und Wort für Wort erst erlernen muß. Will man unter solchen Verhältnissen
einige Wochen nach Schulanfang mit der biblischen Geschichte beginnen," so
führt das zu einer Entweihung des heiligen Stoffes, denn die Besprechung wird
zu einer sprachlichen Übung, die Einprägung zu einer äußerlichen Aufspeicherung
in das mechanische Gedächtnis.
Nun ist es aber klar, daß die Lehrgespräche über die Familie allein nicht

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