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I. Abteilung. Abhandlungen.
jeweiligen Bedürfnis; wir beginnen etwa Anfang November mit der Jugend
geschichte Jesu. Dieser kommt das Interesse der Kinder entgegen, weil es die
Geschichte eines Kindes ist, und zwar „des besten Kindes, des liebsten Kindes."
Nachdem am Schlüsse des ersten Schuljahres die Jugend Jesu behandelt
worden, würden wir im zweiten Schuljahre fortfahren in der Betrachtung des
Lebens Jesu, *) wenn wir nicht der Ansicht wären, daß Kindern dieses Alters
das Wirken, Leiden und Triumphieren des Herrn noch nicht in dem Umfange
geboten werden kann, um als Grundlage einer christozentrischen Behandlung des
Alten Testaments dienen zu können. Wir haben persönlich die Erfahrung ge
macht. daß es mit Kindern des zweiten Schuljahres noch nicht gelingen wollte,
bei Behandlung der Leidensgeschichte des Herrn ein lebhaftes Interesse zu ent
fesseln, während im dritten Schuljahre die Kinder mit stets wachsender Teil
nahme den Herrn auf seinem Leidenswege begleiteten. Und gerade auf eine
genügende Auffassung der Leidensgeschichte kommt es uns hauptsächlich an; denn
von hieraus müssen die Weissagungen, Opfer, Ceremonien und dergl. des Alten
Testaments gedeutet werden.
Wir lassen daher, dem aufsteigenden Interesse der Kinder ent
sprechend, den im 1. Schuljahre behandelten Kinder- und Tiergeschichten im
2. Schuljahre zunächst Familiengeschichten folgen. Über die Gründe, die
uns dazu bestimmten, haben wir in der oben genannten Schrift folgendes aus
geführt: „Ist das Apperceptionsmaterial für die Kinder- und Tiergeschichten das
eigene Seelenleben der Kinder, so eignen sie sich dasselbe für die Familien
geschichten durch Beobachtung im Familienkreise an. Dazu kommt, daß in den
Familiengeschichten oft Scenen vorkommen, die das Verhältnis der Kinder zu
ihren Eltern und Geschwistern zum Gegenstände der Darstellung haben, wo also
das Kind wieder in der Lage ist, aus seinen eigenen Erfahrungen die erklärenden
Bilder zu holen.
Auf die Frage: „Welche biblische Familiengeschichte sollen wir wählen?"
hören wir fast jeden Lehrer antworten: „Welche anders als die Geschichte
Josephs!" Joseph ist bekannt als Liebling der Kinder. Wie trauern
sie mit ihm, als er fortgerissen wird von dem geliebten Vater, fort
gerissen von Vaterland und Vaterhaus in die unbekannte Ferne. Mit welcher
Wehmut begleiten sie den Unschuldigen ins Gefängnis, wie zürnen sie über den
undankbaren Schenken, der sein vergaß. Und als er dann endlich durch Gottes
wunderbare Führung aus langer Kerkerhaft erlöst wird, um ein Herr zu werden
') Herr Hauptlehrer Grünweller schlug dies auch vor in seinem in Oberhausen auf
der Weihnachtskonferenz 1901 gehaltenen Vortrage über: „Zweck und Stoff des
Religionsunterrichts in der Volksschule (Gedanken über pädagogische Grundfragen)."
Wir bestreiten nicht, daß rein formal-logisch angesehen Herr G. recht hat, aber hier
handelt es sich weniger um logische als um psychologische Richtigkeit.

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