Vorschläge zu einer Reform des Religionsunterrichts. 197
über ganz Agyptenland, wie jubelt da ihr kleines Herz auf. — Mit welcher
Teilnahme begleiten sie dann wieder die Prüfung der Gesinnung der Brüder,
und mit welchem Wohlgefallen nehmen sie wahr, daß diese nicht mehr die bösen,
ruchlosen Menschen von ehemals sind, sondern daß sie andere geworden. Und
wenn ihnen dann zuletzt erzählt wird von dem herzlichen Empfang des alten
Jakob durch den geliebten Joseph, da kann man in den leuchtenden und wohl
auch von Thränentau befeuchteten Augen die innere Befriedigung lesen. — Die
Kinder folgen also mit dem lebhaftesten, stets steigenden Interesse dem dra
matischen Entwicklungsgänge der Geschichte Josephs von ihrem Anfange bis zum
Schluß; es darf daher auch dieser dramatische Entwicklungsgang nicht unter
brochen werden, indem man wichtige Glieder ausläßt, wie es bisher wohl üblich
war dank dem Princip, die ganze Geschichte des Reiches Gottes im Excerpt
schon auf der Unterstufe darzubieten. Es muß vielmehr die ganze Geschichte
Josephs von Anfang bis zu Ende vorgeführt werden, auch dürfen einzelne
Partien nicht übersichtlich gegeben werden, — Übersichten sind nicht für kleine
Kinder, — sondern alles anschaulich — ausführlich.
Daß aber die Geschichte Josephs bei den Kindern solch ein Interesse hervor
ruft, hat seinen Grund wohl vornehmlich darin, daß Joseph nicht ein gewöhn
licher Mensch ist, er ist wie zum Herrscher geboren. Überall bahnt er sich den
Weg zu einer bevorzugten Stellung: im Vaterhause den Brüdern gegenüber, im
Hause des Potiphar den andern Sklaven gegenüber, ja sogar im Gefängnis —
bis er dann endlich Regent eines großen bedeutungsvollen Reiches wird. Was
aber mit Macht und Energie in die Erscheinung tritt, das gefällt allgemein,
also auch den Kindern. Joseph ist ein Jdealmensch, ein Held. —
Wie aber nicht bloß eine Persönlichkeit gefällt, die durch ihre Energie
Respekt einflößt, sondern auch eine solche, die durch ihre Anmut und ihren Lieb
reiz unser Wohlgefallen erregt, so gehört zu einem Männerideal ein Frauenideal,
zum Helden eine Heldin. Daher hat der deutsche Genius sich nicht begnügt, im
Nibelungenlied einen Nationalhelden zu schaffen, er hat in Gudrun eine National
heldin daneben gesetzt. Aus demselben Grunde bedarf auch die Geschichte Josephs
einer Ergänzung; wir finden sie in der sinnigen, wunderlieblichen, ethisch.idyllischen
Familiengeschichte von der frommen Ruth. — Aber auch nach einer andern Hin
sicht bildet Ruth eine notwendige Ergänzung zu Joseph. In Joseph wird den
Kindern ein guter Sohn vorgeführt, der sich im Glücke seines geringen Vaters
nicht schämt, der da weiß, daß ein dankbarer Sohn mehr wert ist, als ein hoch
mütiger Regent und der es nicht vergessen hat, daß er eher des Vaters Sohn
war, ehe er des Ägypterkönigs erster Diener wurde; in Ruth eine fromme
Tochter, die aus Liebe zur Mutter Vaterland und Vaterhaus verläßt, die die
Verlassene nicht auch verlassen mag, sondern sich um ihretwillen auch der
geringsten Arbeit nicht schämt; in Ruth schauen die Kinder die rechte Liebe zu

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