Vorschläge zu einer Reform des Religionsunterrichts. 199
Don Gemütseindrücken begleitet war. Wie es Ereignisse giebt, die uns bis ans
Ende unserer Tage unvergessen bleiben, obgleich sie sich nicht wiederholen,
während andere, oft wiederkehrende Vorkommnisse kaum unser Bewußtsein berühren,
so ist ein einmaliges intensives Erfassen einer Geschichte für das Behalten gewiß
ebenso wertvoll, wie eine mehrmalige flüchtige Behandlung. Ferner ist bei dem
langsameren Vorwärtsschreiten mehr Gelegenheit geboten, die behandelten Ge
schichten immer wieder zur Vergleichung heranzuziehen; jede neue Verknüpfung
bietet aber nicht nur dem Gedächtnisse eine neue Stütze, sondern schließt auch
schon eine Wiederholung der älteren Vorstellungen in sich, die um so wertvoller
ist, da auf sie das Interesse, das der neue Stoff erweckt, übertragen wird.
Die Stoffanordnung nach konzentrischen Kreisen bringt ferner häufig den
Fehler mit sich, daß der Geschichtsstoff den Kindern bruchstückweise dargeboten
wird; der Gedankenfaden wird plötzlich abgerissen — und soll dann in einem
späteren Jahre weiter gesponnen werden. So wird z. B. nach dem amtlich
eingeführten „Lehrplan für den Religionsunterricht in den evangelischen Schulen
der Rheinprovinz" die Geschichte der Verkündigung der Geburt des Johannes
auf der Mittelstufe behandelt. Das Interesse ist nun geweckt; die Stimmung
des Schülers ist gespannteste Erwartung; günstiger kann der Aufnahme der
Geburtsgeschichte gar nicht der Boden bereitet sein; — aber der Schüler muß ein
Jahr oder zwei Jahre warten, bis er auf der Oberstufe erfährt, daß Gottes
Wort wahrhaftig ist. — Johannes tritt sodann auf der Mittelstufe als Täufer
auf; die Kinder sehen seine Demut gegenüber dem göttlichen Meister; sie hören
sein Wort: „Ich bin nicht wert, daß ich die Riemen seiner Schuhe auflöse;"
aber seinen „Mannesmut vor Königsthronen", seine Treue bis in den Tod
sollen sie wiederum erst auf der Oberstufe kennen lernen. — Will der Unterricht
wertvolle Apperceptionshilfen nicht unbenutzt lassen, will er dem wachsenden
Interesse entgegenkommen, dann muß das Lebensbild geschichtlicher Personen
lückenlos im Zusammenhang als ein Ganzes dargeboten werden. Mit der
Einsicht in den Entwicklungsgang der Person wächst auch die Teilnahme an
ihrem Reden, Handeln und Leiden, mit der Teilnahme aber ihr Einfluß aus
den Willen und das Leben des Kindes.
Die Stellung der Geschichte Johannes des Täufers im Lehrplan kann uns
noch einen weiteren Fingerzeig geben. Johannes wird angekündigt als der
Prophet, der vor dem Herrn hergehen soll „im Geist und in der Kraft des
Elias." Dies Wort ist für den Schüler der Mittelstufe weiter nichts als ein
leerer Schall, da das Lebensbild des Propheten Elias nach dem „Lehrplan" erst
für die Oberstufe vorgesehen ist. Eine Erklärung ist an dieser Stelle auch völlig
zwecklos. Inhalt und Leben gewinnt jenes Wort erst, wenn das Charakterbild
des gewaltigen Propheten in anschaulicher Ausführlichkeit vor des Kindes Seele
steht. Ist dies aber der Fall, dann wird durch dieses kurze Wort die Gestalt

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