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I. Abteilung. Abhandlungen.
Kinder werden dieselben Geschichten mit ganz anderen Augen ansehen; denn sie-
sind selbst andere geworden. Das Bild der biblischen Personen, deren Leben
auf der Mittelstufe vorgeführt ist, würde gar zu kinderhaft bleiben, wenn keine
Vertiefung einträte. Auf der Oberstufe wird den Kindern manches klar, wofür
ihnen auf der Mittelstufe die Apperceptionshilfen fehlten; über manches, was sie
etwa unrichtig aufgefaßt haben, wird ihnen jetzt das rechte Licht aufgehen. Um
den Kindern Gelegenheit zu einer derartigen Nachprüfung zu geben, unternehmen
wir im letzten Schuljahre nochmals einen Gang durch die ganze Heilsgeschichte.
Aber auch noch aus einem andern, nicht minder wichtigen Grunde halten,
wir einen Vertiefungskursus für notwendig.
Zwei Eigenschaften Gottes sind es, die das Verhältnis Gottes zum
Menschen bestimmen: seine Gerechtigkeit und seine Liebe; oder, wie der
Psalmist es ausdrückt: Er ist nicht ein Gott, dem gottlos Wesen ge
fällt, wer böse ist, bleibet nichtvor ihm, und doch auch barmherzig
und gnädig, geduldig und von großer Güte; er handelt nicht
mit uns nach unsern Sünden und vergilt uns nicht nach unserer
Missethat.
Wer nicht bloß eine begriffliche, sondern eine wesenhafte Erkenntnis von
diesen Dingen hat, der ist ein Kind Gottes. Diese Erkenntnis können wir
nicht im Unterrichte vermitteln, das kann überhaupt kein Mensch; wohl aber
können und sollen wir das Unsere thun, Gottes Gesetz (seine Gerechtigkeit) und
Evangelium (seine Liebe) den Kindern klar und eindringlich vor Augen zu stellen,
indem wir im achten Schuljahre den Kern der ganzen Heilsgeschichte hervorheben.
Diesen Zweck will Dörpfeld durch sein zweites Enchiridion erreichen. *)
Wer nun aber mit uns der Ansicht ist, daß das, was Dörpfelds zweites
Enchiridion bietet, nur unter ganz außergewöhnlich günstigen Verhältnissen mit
Erfolg an die Kinder herangebracht werden kann, der begnüge sich, in Ober
klassen mit weniger geförderten Schülern die biblischen Geschichten unter die
beiden oben angeführten Sprüche zu gruppieren und lasse von den Schülern
jedesmal eine kurze Begründung hinzufügen, warum dieselbe in diese oder jene
Gruppe hineingehört.
Eine derartige Zusammenstellung bringt die Gedanken der Schüler in
Fluß, löst die betreffenden geschichtlichen Partien aus ihrer starren chronologischen
Verbindung und bereitet so die freie Verfügung darüber im Leben vor, so daß
später bei passender Gelegenheit eine entsprechende Situation aus dem Leben
einer biblischen Person leichter mahnend oder tröstend ins Gedächtnis tritt, als
wenn alle Vorstellungen gewissermaßen in die chronologische Reihenfolge ein
gekeilt sind und daher auch nur in dieser Reihenfolge geläufig reproduciert
werden können.
0 Dörpfelds Werke, Band XII, Verlag Gütersloh, C- Bertelsmann.

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