Monismus und Pluralismus.
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Geschehen festgestellt. Aber auch spekulativ läßt sich das Kausalitätsgesetz be
gründen. Ein Geschehen ohne Ursache birgt einen Widerspruch in sich, den kein
Denken hinwegschaffen kann. So wenig es möglich ist, sich ein Quadrat mit
schiefen Winkeln zu denken oder mit 6 Würfeln 7 einzelne Augen zu werfen, so
wenig ist es denkbar, daß ein Ding sich ohne jede Ursache bewegt oder verändert.
In der Naturwissenschaft ist das Kausalitätsgesetz unbestritten anerkannt.
Nicht so auf philosophischem Gebiete. Da glaubt man vielfach seine Geltung
auf das Reich der Erscheinungen beschränken zu müssen. Was hinter den
Erscheinungen steht, die Dinge an sich, sind unserer Erkenntnis verschlossen. Unter
diesen, so sagt man, besteht möglicherweise keine Kausalität, hier giebt es vielleicht
ein ursachloses Werden, ein Geschehen ohne Ursache. Das ist der Standpunkt
des Agnosticismus und Skepticismus. Indem man aber diese bloße Möglichkeit
zugiebt, erklärt man, daß Unmögliches möglich, daß in sich Widersprechendes sein
könne. Es ist ein Bruch mit dem Kausalitätsgesetz, wenn man den Atomen
ursprüngliche Kräfte der Anziehung und Abstoßung zuschreibt, wenn man in den
Organismen eine Lebenskraft annimmt, wenn man glaubt, daß im geistigen Leben
keine strenge Gesetzmäßigkeit herrsche, wenn man eine Freiheit des Willens in
dem Sinne behauptet, daß er auch ohne Motive sich bestimmen könne.
Herbart ist der einzige Philosoph, der in allen Punkten an der Geltung
des Kausalitätsgesetzes festhält.
2. Der substantielle Monismus ist eine Weltanschauung. Er lehrt:
Es giebt nur ein Seiendes, aus dem alles erklärt werden muß und das als
letzte Substanz allem Gegebenen zu Grunde liegt. Die Welt in ihrer bunten
Mannigfaltigkeit und Vielgestaltigkeit ist nur Schein, Erscheinung eines hinter ihr
liegenden Unbekannten, das als strenge Einheit gedacht werden muß. Dieses
Eine nennt der eine das Absolute, der andere Idee, der dritte Wille, ein vierter
das Unbewußte u. s. w. Die Schwierigkeit für den Monismus liegt nun darin,
aus dem Einen die Vielheit abzuleiten. Denkt man nämlich das Ureine streng
als Eins, so ist nicht einzusehen, wie dieses Eine sich verändern und zur Vielheit
gestalten kann. Ein strenges Eins muß in alle Ewigkeit bleiben, was es ist.
Soll es sich dennoch verändern, so muß man ein Geschehen ohne Ursache an
nehmen, also mit dem Kausalitätsgesetz brechen. Denkt man sich das Eine aber
nicht als strenge Einheit, sondern etwa als einen entwicklungsfähigen Keim, der
verborgen eine Vielheit in sich schließt, so giebt man eben den Monismus auf
und gerät in den Pluralismus, den man doch abweisen will. So steht der
substantielle Monismus im schärfsten Widersprüche zum methodischen Monismus,
der die unverbrüchliche Geltung des Kausalitätsgesetzes lehrt. Damit ist der
Pantheismus, der Gott und Welt identifiziert und dies Eine Gott nennt,
abgewiesen.
Eine besondere Form des Monismus ist das, was man als psycho
physischen Parallelismus bezeichnet. Danach sollen Leib und Seele eine
strenge Einheit bilden, eine Einheit mit zwei Gesichtern. Was wir Geist nennen,
ist nur die andre Seite des Leiblichen, der Leib die andre Seite des Geistigen.
Sie entsprechen einander wie die konvexe und konkave Seite einer Kugel, es ist
derselbe Inhalt, gleichsam ausgedrückt in zwei Sprachen. Auch hier steht man
im Widerstreit mit dem Kausalgesetz. Wenn Leib und Seele wikrlich nur Eins
sein soll, woher entsteht dann der Schein einer Zweiheit? Wie soll dieselbe Ur
sache verschiedene Wirkungen hervorbringen können?

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