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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
erwachsenen Kinder, Elias und Rahel, teilen seinen Glauben nicht: das Christentum
der Christen hat sie am Christentum irre gemacht. Schließlich glaubt er darin Gottes
Willen zu sehen, daß er ohne ihre Unterstützung, auf die er gerechnet hatte, sein Werk
auch an der Frau ausrichten und die Kraft des Glaubens vor ihnen erweisen soll.
Voll Zuversicht begiebt er sich in die nahe Kirche, um dort für die Gesundheit der
Gattin zu beten, so lange bis sie den langentbehrten Schlaf gefunden und dann vom
Bett sich erhoben haben werde. Und richtig: kaum ertönt die Glocke, zum Zeichen,
daß sein Gebet beginne, so sinkt sie in Schlaf. Und der Schlaf hält an, selbst als ein
Bergsturz hart an Kirche und Haus vorbei niedergeht, und als Tausende sich sammeln,
um das zu erwartende Wunder zu schauen, darunter die Geistlichkeit mit dem Bischof an
der Spitze, die im Vorzimmer beraten, wie sich die Kirche zu der Wunder'gabe Sangs
stellen solle. Die meisten unter ihnen skeptisch: nur einer — Bratt — gekommen,
um diesen „Tag über sein Leben entscheiden zu lassend Jahrelang hat er nach dem
„Pfand" darauf gesucht, „daß die christliche Verkündigung wahr ist". Hier hofft er,
endlich dieses Pfand zu erhalten. Und in der That — das Wunder geschieht! Frau
Klara erscheint: unter dem Halleluja der Anwesenden schreitet sie auf den herbeieilenden
Gatten zu. fällt mit Worten der Liebe in seine Arme und sinkt leblos zu Boden.
Und Sang? Mit den Worten: „Aber das war ja nicht die Absicht — ? Oder — ?',
sinkt auch er vom Schlage getroffen um. „Was meinte er mit diesem „Oder" — ?",
fragt einer der Pastoren. „Ich weiß es nicht zu sagen. — Aber er starb daran,"
antwortet — Bratt. Damit schließt dieser erste Teil. Das Christentum Sangs
hat sich erwiesen als etwas, das über seine Kraft ging.
Soviel wird unseres Erachtens auch aus dieser kurzen Skizze des Inhalts, die
nicht von ferne die ganze packende Gewalt des Dramas wiedergeben kann, für den
Leser klar, daß das Problem, welches Björnson hier behandelt, den Christen aufs tiefste
interessieren muß, und daß es ihn angeht, wenn solches Stück Tausende und Aber
tausende von Lesern und Zuschauern findet, die sonst von christlichen Gedanken gar
nicht oder wenig erreicht werden.
Aber was will Björnson mit seinem Werk uns sagen? Zweifellos ist ihm die
Frage nach dem Wert des Christentums ernst. Ebenso fraglos ist, daß über das
Christentum des Pfarrers Sang der Stab gebrochen wird: er geht daran zu Grunde,
und seine Familie mit ihm. Und im Namen des Christentums haben wir Grund,
diesen Ausgang als völlig sachgemäß anzusehen. Sang ist ein großangelegter Mensch
von starkem Willen unv weichem Herzen. Aber das einzige, was er nicht ist, ist
das, was er nach dem Urteil seines Sohnes einzig und allein sein soll: ein Christ.
Sang ist kein Christ, sondern ein Schwärmer, ein Schwärmer einer selbstgemachten
Religion. Er hat eine falsche Vorstellung von dem Wesen des Christen
tums. Das Christentum erhebt den Anspruch, uns sittliche Kräfte zu verleihen
und uns in einen Verkehr mit Gott zu bringen, in welchem wir die Kämpfe und
Schmerzen dieses zeitlichen Lebens überwinden lernen. Was nur ein innerlicher Akt
sein kann, macht Sang zu einem äußeren Akt: statt nach der Fülle sittlicher Kraft,
die fähig wird, Gottes Willen zu thun und zu leiden, fiebert er im Hunger nach einer
Macht, das äußere Leben nach seinem Willen zu gestalten. Er sieht das Wesen des
Christentums im Wunder und im Glauben an das Wunder. Damit vereinseitigt er
das Christentum, indem er es lediglich verdiesseitigt, während das wirkliche Christentum
Diesseits und Jenseits in der Weise umspannt, daß es im Diesseits die Wunder seiner
sittlich-religiösen Kräfte entfaltet, um dadurch die Voraussetzungen für seine geistleiblichen
Wirkungen im Jenseits zu erfüllen. An seiner Schwarmgeisterei geht Sang zu Grunde.
Nun aber erhebt sich die Frage: beabsichtigte Björnson ein Urteil über Sangs
Christentum oder über das Christentum überhaupt? Beruht ihm das Wesen des
Christentums auf dem Wunder im Sangschen Sinne, und fällt mit dem Glauben an
solche Wunder das Christentum überhaupt hin? Richtig ist, daß wahrscheinlich die
Mehrzahl der Leser und Hörer des Srückes die Frage dahin beantworten, daß der
Naturalist Björnson feierlich den Bankerott des Christentums erklären wolle: aber
damit ist nichts anderes bewiesen, als daß viele diese Erklärung zu hören wünschen. Richtig
ist auch, daß er dem Pfarrer Sang nicht die übrigen Männer des offiziellen Kirchentums
als Vertreter eines ernst zu nehmenden Christentums gegenüberstellt: indesien — das
könnte höchstens ein Schlag gegen das Christentum überhaupt sein. Thatsache ist, daß
in dem Stück, soweit wir es bis hierhin verfolgt haben, schlechterdings nichts vorliegt,
was zu diesem Schluß berechtigte. Der erste Teil von „Über unsere Kraft" zeigt nur.

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