Björnstjerne Björnson.
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wie ein falsches, verzerrtes Christentum zerstörend und vernichtend
wirkt und also kein Boden ist, der Mensch und Menschheit zu tragen
imstande wäre.
II.
Aber der erste Teil ist nicht vollständig ohne den zweiten. Hat ihn Björnson
auch etwa 13 Jahre später geschrieben, bezw- veröffentlicht (1895), so gehören doch
beide so sehr zusammen, daß erst der zweite Teil ein völliges Urteil auch über den
ersten ermöglicht. Vergegenwärtigen wir uns ihn.
Bratt, Elias und Rahel sind aus dem Zusammenbruch, den der erste Teil
darstellt, mit neuen Lebenszielen hervorgegangen. Bratt hat Christentum und Kirche
ausgegeben und ist Freund und Führer einer in Not und Schmutz verkommenden
Arbeiterschaft geworden, welche er durch Organisation von Streiks und Vereinsarbeit social
heben will. Elias hilft ihm dabei. Nur scheinbar ist er seinem Vater unähnlich; in
Wirklichkeit hat er dessen Art, in Illusionen zu leben, geerbt: sein Vermögen, die Erb
schaft eines Onkels, verwendet er ziellos für den Streik. Statt des religiösen Prob
lems jetzt also das sociale Problem. Der Konferenz der Pfarrer dort tritt hier die
Schar der Arbeiter inmitten ihrer schaurig-sonnenlosen Wohnungen und die Versamm
lung der Fabrikanten in der glänzenden Herrenburg gegenüber. Werden sich die Ideen,
von denen diese beiden Gruppen in ihrem Handeln bestimmt werden, schöpferisch und
gestaltend erweisen?
Die Mittel zum Streik sind erschöpft, die Fabrikanten geben nicht nach. Da
wachsen sich im Kopf des Elias die Reiormpläne zu dem Gedanken aus, „sich selber zu
opfern, um die zu vernichten, die das Böse wollen." In der Herrenburg ist das Ende
der Beratungen: gegen die Arbeiter, wenn sie sich der Herrschaft bemächtigen wollen,
„die Kanonen aufgefahren!" Da tritt einer der Diener — Elias Sang ist
es — unter sie und verkündigt: die Burg sei von den Arbeitern unterminiert, die
Minengänge seien mit Pulver gefüllt, und das Schicksal der Herren sei in wenig
Minuten besiegelt. Elias fällt durch eine Kugel des Schloßbesitzers, aber gleich daraus
werden die Fabrikanten unter den Trümmern der Burg begraben. Was sie erstrebten,
die Herrschaft der Brutalität, ging über die Kraft; was die Arbeiter erstrebten,
nicht minder: es beginnt für sie ein härteres Elend denn zuvor. Das Resultat ist:
die Jagd nach dem Grenzenlosen, von der die verschiedenen Schichten dieser
Gesellschaft beseelt sind, ebenso wie der Pfarrer Sang, schafft nur Zerstörung.
Es ist in Variation dasselbe Thema wie im ersten Teil, und wir müssen wiederum
zustimmen: auch eine Lebensanschauung, die den Kampf ums Dasein
zum Glaubensartikel und das Recht des Stärkeren zum Sittengesetz
macht, ist kein Boden, der Mensch und Menschheit tragen kann.
III.
Aber diesen zweiten Teil schließt der Dichter nicht wie den ersten bloß mit einer
Dissonanz. Er sucht nach einem harmonischen Schlußakkord, und in diesem giebt er zu
den bisherigen Negationen offenbar ein positives Bekenntnis. Dasselbe mag vom
ästhetischen Standpunkt aus unbefriedigend sein; es mag auch reichlich skizzenhaft -
eben nur wie ein Akkord — ausgefallen sein: immerhin gewinnt man unseres Erachtens
erst von ihm aus den Standort zu einem Urteil über die letzten Absichten des Dichters.
Rahel, die sich von den Wegen eines Bratt und Elias ferngehalten hat, hat die
Verwaltung eines Hospitals von Holger übernommen, dem Führer der Fabrikanten,
der als einziger aus der Katastrophe lebendig, freilich mit gebrochner Kraft, davon
gekommen ist. Sie nimmt ihn, den Mörder ihres Bruders, als ersten Pflegling in
dieses Hospital auf. Wir sehen sie mit Credo und Spera, zwei Kinder aus
Holgers Verwandtschaft, die Holger ihr jetzt, entgegen seinen früheren Absichten, zur
Erziehung überlassen will. Unter dem Eindruck des Erlebten träumen sie davon, wie es
in Zukunft durch Erfindungen und technische Fortschritte beffer werden soll auf Erden.
Diese Weisheit, die wir oft hören, legt Björnson aber — wohlgemerkt — Kindern in
den Mund! Dagegen läßt er Rahel das letzte Wort, das mit voller Wucht den
Schluß macht: „Wir wollen Holger bitten, daß er die Arbeiter empfängt; denn einer
muß den Anfang machen mit dem Vergeben!" Sie gehen davon, „und die Musik
begleitet sie in der Ferne wie ein Hauch des Zukünftigen", lautet die scenische
Bemerkung.

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