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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
Und nun^von hier aus den Blick zurück auf den ersten Teil. Rahel ist die Tochter
jener Klara Sang, die, während ihr Mann mit seinem irren und wirren Christentum
sich und die Familie ruinierte, mit der Liebe, die im verborgenen still und unermüdlich
dient, das Hauswesen zusammenhielt bis an die Grenze ihrer Kraft. Der Pfarrer sagt
von ihr: „Du hast dein Leben für mich hingegeben; du hast dich Stück für Stück
geopfert, einzig und allein aus Liebe." Ein solches Opfer der Liebe erkennt der Dichter
an, während er das Opfer eines Elias in seinem Resultat verurteilt. Während Elias
nach dem Vater geartet ist, folgt Rahel der Weise der Mutter, eine wirkliche Helferin
der notleidenden Arbeiter, voll Versöhnlichkeit auch gegen den Mörder ihres Bruders.
-Ich beuge mich vor Ihnen", sagt ihr der Baumeister Halden, der das Zerstörungs
werk des Elias geleitet hat. Und wie dieser Vertreter des wilden Arbeiterhasses, so
reicht ihr auch Holger, die Verkörperung des wilden Herrentrotzes, die Palme, indem
er die Erziehung seiner Verwandten in ihre Hand legt.
Hab und Trotz werden überwunden von der Liebe. Rahel im Bunde mit Credo
und Spera — Liebe, Glaube, Hoffnung sind nach dem Dichter die Mächte,
welche auf den Trümmern des Bestehenden bleiben und als die einzig schöpferischen
Kräfte einer neuen Zukunft erscheinen. Und zum drittenmal werden wir dem Dichter
beistimmen in dem Endresultat seiner gewaltigen Dichtung: letztlich ist es doch nur das
Christentum, welches für den einzelnen wie für die Gesamtheit belebende Mächte ent
hält; ein recht verstandenes und recht geübtes Christentum ist der
Boden, der Mensch und Menschheit zu tragen imstande ist.
Oder sollte der Pfarrerssohn Björnson wirklich darüber im unklaren sein, daß
Glaube, Hoffnung, Liebe Früchte darstellen, die einzig und allein auf dem Baume des
Christentums gewachsen sind? Wir haben solche Inkonsequenz nicht anzunehmen, bis
sie uns nicht aus anderen Kundgebungen des Dichters bewiesen wird. Es mag wohl
sein, daß seine Vorstellung von den genannten christlichen Kräften der christlichen Be
stimmtheit und Tiefe noch entbehren. So freuen wir uns dennoch, weil, wer die
Früchte will, schließlich auch die Wurzel wird wollen müssen. Und wäre es selbst so,
daß er gegen seinen Willen in diesem Werk über sich selbst hinausgewachsen wäre und
im letzten Grunde nur den Bankerott des Christentums hätte erklären wollen: wir
würden uns noch immer dieses Bileams unten den „modernen Geistern" freuen, der
gegen seine Absicht ein Zeugnis für das Christentum abgelegt hätte, indem er der Ethik
des Christentums das letzte Wort ließ.
Oder will man daraus einen Grund gegen dieses Doppeldrama herleiten, daß das
Publikum im großen und ganzen nichts von der stillen Mahnung desselben vernomme r
hat? Nun, es beweist doch nichts gegen „Moses und die Propheten", daß der reiche
Mann und seine Brüder nicht auf sie gehört haben. Also beweist es auch hier nichts,
daß freilich wohl die meisten Hörer und Leser von „Über unsere Kraft" dem
radikalen Kritiker des Bestehenden, nicht dem ernsten Propheten zujauchzten. Die
wuchtigen Schläge Björnsons gegen ein Christentum von der Art Sangs schienen
vielen eine Rechtfertigung ihrer Stellung zum Christentum überhaupt, das erschütternde
Fiasko der socialen Probleme war wenigstens interessant und hatte einen prickelnden
Reiz für verbrauchte Nerven, aber der tiefe sittliche Gehalt dieses Stückes war — Kaviar,
den die Maffe nicht schmeckte. Daß der Dichter nicht bloß über religiöse Schwärmer,
sociale Träumer und unpraktisch konsequente Herrenmenschen zu Gericht saß, sondern
dem Publikum ans Gewissen drang, das merkten sie nicht. Dazu mußte er noch
deutlicher werden! —
IV.
Und mit einer Schnelligkeit, welche Absicht vermuten läßt, hat er noch deutlicher
gesprochen. Der Triumphzug, den „Über unsere Kraft" erlebte, war noch nicht
beendet: da erschien Björnson mit einem neuen Drama: Laboremus. Man hat eine
unmittelbare Fortsetzung, einen dritten Teil des ersten Stückes in dieser Dichtung zu finden
gesucht: wir glauben, mit Unrecht. Aber allerdings spinnt Laboremus den geistigen
Faden weiter, den Björnson am Schluß von „Über unsere Kraft" angefangen hat. So
ist es eine wichtige Ergänzung zu jenem Doppeldrama, sofern der Dichter hier weniger
negativ kritisch als vielmehr fast durchweg positiv seine Gedanken entwickelt.
Wir wollen den Inhalt ganz kurz zusammenfassen, weil es hier noch schwieriger ist
als dort, die Feinheiten dieses Seelengemäldes auf dem Wege eines Referates erschöpfend
wiederzugeben. Wir finden Wisby, den ältlichen, geistig simplen Gutsbesitzer, und

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