Björnstjerne Björnsoli.
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Lydia, die ehemalige Pianistin, am Morgen nach der Hochzeit. Sie schwelgt in dein
Wohlbehagen, welches die Ruhe am Ziel giebt. Aber sie hat den Weg zu ihrem Glück
mit — -schuld erkauft und hat vergessen, daß die Vergangenheit keine Schiefertafel
ist, auf der man das Nichtkonvenierende nach Belieben auslöschen kann Nun bekommt
die alte Geschichte, die vergessen sein sollte, ein Gesicht! Sie sieht Sorgenfalten aus
der Stirn des Mannes: er gesteht ihr's halb: ein Traum in der Nacht ist der Grund:
seine verstorbene Frau ist ihm erschienen, ein Wort hat sie zu ihm gesagt, ein Wort
über die, welche setzt seine Frau ist. Darüber ist sein Gewissen erwacht, und an
seinem Geständnis erwacht das ihre, und mit dem Glück — ist's aus. Sie ziehen,
einander müde, durch die Welt: er kommt unter den Schlägen des Gewissens an den
Trunk, sie wirft das Netz aus zu neuem Glück nach einem jungen Musiker, Langfred
Kann. Desien Onkel, 0r. Kann, der Hausarzt Wisbys, klärt diesen endlich auf
über das zweifelhafte Vorleben seiner Frau und die Rolle, die sie gegenüber seiner
ersten Gattin gespielt hat. Sie war in Wisbys Haus gerufen worden, um durch ihre
Musik heilend auf die schwindsüchtige Hausfrau zu wirken. Ihrer wunderbaren Kunst
gelang es, stufenweis die Kranke auf den Weg der Besierung, den Mann auf die schiefe
Ebene zuerst einer blöden Dankbarkeit, dann unreiner Begierde zu bringen und darnach
die Lebensmatte in den Tod und den Mann an ihre Seite zu ziehen. Es kommt nach
dem Fortgang des Arztes zu einer Auseinandersetzung zwischen den Ehegatten, deren
Ende ist, daß Wisby davongeht und Lydia bleibt, um — Langfred zu empfangen.
Es ist schwer, auf eine nähere Beschreibung, wie Björnson die Gewissen dieser
zwei entgegengesetzten Persönlichkeiten, des Willensschwächen und der Willensstärken,
charakterisiert, zu verzichten. Indessen, das Gesagte genügt, um zu zeigen, wie das
Evangelium des Naturalismus vom Sichauslebendürfen hier von Björnson einen recht
unsanften Fußtritt bekommt. Mit lapidaren Strichen zeichnet er das Gewissen als
eine Realität, die ihre Kraft beweist auch da, wo man sie verneinen will. Und allen
Nachdruck legt der Dichter auf das Bekenntnis des Wisby, mit dem er die unreine
Quelle aufdeckt, aus der alle Schuld geflosien ist. Er läßt ihn sagen: „Wir ernten so,
weil wir nicht gesäet haben. Wir ernten Unkraut! Ich habe in meinem Leben
nicht gearbeitet. Das giebt ungesunde Instinkte."
Aber Björnson bestimmt die Natur dieses Gewissens im weiteren Verlauf des
Stückes noch genauer. Die folgenden anderthalb Akte bilden die Kehrseite zum
ersten Teil: auf die Darstellung des Verhältnisses eines Wisby zu Lydia, folgt die des
Verhältnisses eines Menschen wie Langfred zu ihr. Der Kern seines Wesens ist zunächst
ziemlich verdeckt und versteckt unter jugendlichem Leichtsinn und unreifem Künstlertum.
Dadurch läßt er sich von dem sirenenhaften Wesen Lydias locken. Indessen er hat
Grundsätze: von gesunden Menschen sagt er: „sie wählen Arbeit und Frau aus dem
selben Instinkt heraus". Darum wird ihm auch nicht wohl bei seiner sogenannten
„Liebe" zu Lydia, weil sie seine Arbeit, einen musikalischen Plan, nicht fördert. In
dieser Stimmung trifft ihn sein Onkel vr. Kann und bringt ihm ein verloren ge
glaubtes Petschaft seines Vaters mit der Inschrift: „Laboremus" — „An die
Arbeit!" Dann führt er ihn mit Borgny zusammen, der Tochter Wisbys, die ihm
wie absichtslos die Geschichte jener Pianistin und ihrer Mutter erzählt. Da wird's ihm
klar, daß seinem musikalischen Plan — Undine, das Meerweib, zum Ausdruck zu
bringen, wie sie dem Meere gleich nach dem festen Halt strebt und erlöst wird, indem
sie den Mann gewinnt — die Pointe bisher fehlte. Die Welle darf nicht zum Land;
sonst wandelt sie Bahnen gegen die Gesetze der Natur, auf denen Welle und Land zu
Grunde gehen. Jene Undinen-Natur ist die naturwüchsige Leidenschaft, von keinen
Moralgesetzen gebändigt, die darum in ihre, Schranken zurückgewiesen werden muß.
Als er freudvoll Lydia diese Paintierung seines Planes erzählt, lehnt sie ihn mit
steigender Schärfe ab: denn die Geschichte der Undine ist — ihre Geschichte, und der
Abschluß, den Langfred seinem Thema zu geben gesonnen ist, bedeutet ein vernichtendes
Urteil über sie. Beide Lebensanschauungen treten sich nun gegenüber. Welcher läßt
der Dichter den Sieg zufallen? Lydia erkennt nur das Recht der Natur an, den:
kranken Weib den Mann zu rauben, den schwachen Alten dem jugendlichen Langfred zu
opfern. Langfred nennt dieses Recht das Recht des Raubtiers. Lydia stellt die Leiden
schaft der „Liebe" über alles. Langfred seht über solche Liebe das Recht moralischer
Weltordnung, die nicht verletzt werden darf, wenn man Frieden haben und Frieden
geben und Kraft zum Schaffen behalten soll. „Reine Luft" sei nötig! Unüberbrück
barer Abgrund zwischen Beiden! Und als Borgny dazwischen tritt, erkennt Langfred

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