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II. Abteilung. Zur Geschichte deF Schulwesens :c.
an dem Entsetzen Lydias den Zusammenhang. Als er ihr erklärt, daß er „seinem
Gefühl nicht untreu" werden würde, stürzt sie weg mit dem rasenden Schreit
„Dies christliche !!"
Das christliche Bewußtsein, der Glaube an die Absolutheit mora-
lischerGesetze ist es, vor dem dieses modern heidnische Bacchanten tum
nach Björnson seine Segel streichen und fliehen muß. Doch offenbar mit
vollster Geflissentlichkeit hat der Dichter die Erwähnung des „Christlichen" bis zum
Schluß ausgespart, damit dieses Wort aus dem Munde der Lydia in dem Augenblicke,
da ihre Niederlage besiegelt ist. um so wuchtiger ins Ohr fällt. Wir dürfen von einem
realistischen Dichter nicht verlangen, daß er alles seiner Tendenz zuliebe zuschneidet: so
mag noch manche Phrase in dem Stück mit unterlaufen. Aber im ganzen scheidet
Björnson nach diesem neuesten Werk so deutlich wie möglich aus der ganzen Schar
naturalistischer Propheten und Nietzschescher Übermenschen „jenseits von gut und böse"
aus, wenn er ihnen überhaupt je angehört hat. Was in „Über unsere Kraft" nach
dem Zusammenbruch aller jener Gesellschaftsschichten und zuletzt als positiver Gedanke
heraustrat, ist in Laboremus der Grundgedanke, der das Ganze durchzieht: eine
christliche Leb ens ansch auun.g ist nicht ein kulturfeindlicher Fakor.
sondern ist allein der Boden, auf dem ein Menschenleben sich geistig
gesund erhält und die Kraft zu schöpferischer Arbeit findet. Eine
Lebensanschauung und Weltanschauung, die zu dem christlichen Bewußtsein praktisch
und theoretisch in Gegensatz tritt, bedeutet nicht ein Vordringen zu einem höheren
Standpunkt, sondern ein Zurücksinken in Barbarismus, bei dem Mensch und Menschheit
zu Grunde gehen.
V.
Diese Ergänzung, die Björnson mit Laboremus zu „Über unsere Kraft" gab, ist
dem Publikum augenscheinlich unerwartet gekommen. Bei jenem Doppeldrama konnte
man schwelgen in der Freude an dem Übermaß negativer Kritik; das Positive konnte
man überhören. Dieses Überhören war bei Laboremus nicht mehr möglich. Ter
Titel des Stückes übte einen prickelnden Reiz aus auf ein Geschlecht, das ebenso groß
im Arbeitsdrang und Arbeitserfolg als in Arbeitsscheu und Genußsucht ist, und
spannte die Erwartung hoch. Um so schneidender fielen die Wahrheiten ins Ohr, von
der Macht des Gewisiens, von dem Ungrund eines Lebens, das nichts zu arbeiten und
viel zu verschwenden hat, von der Unverbrüchlichkeit sittlicher Gesetze, von der schlecht-
hinigen Überlegenheit christlicher Anschauung. Und welche Aufnahme fand Björnsou
mit diesem Werk? Peinlich war die Stimmung in den Theatern: man konnte sicy
nicht selbst verspotten, nach dem Beifall, den man im vorigen Winter gezollt hatte,
dem Dichter einen glatten Mißerfolg zu bereiten; noch weniger freilich konnte man eine
Zustimmung zu der Tendenz des Stückes heucheln; man sah, schwieg nach Möglichkeit,
und ließ das Stück nach wenigen Abenden verschwinden. Ebenso peinlich war die
Stimmung in den Tageszeitungen und Zeitschriften: kaum eine war zu finden, die von
dem Ernst des in dem Drama behandelten Problems üherhaupt etwas verlauten ließ;
man stach in die Seiten des Stückes, die künstlerisch betrachtet allerdings schwach
waren, und hatte damit einen Vorwand gefunden, das Urteil auf „wenig bedeutend"
einzustellen und es abzuthun. Alles in allem: die Björnson-Begeisterung hat in
Deutschland einen Stoß bekommen.
Das ist interessant zu beobachten. Indessen noch mehr Grund ist unseres Erachtens
für christliche Kreise zur Freude. Die Entwickelung Björnsons läßt für unsere Litteratur
entwickelung, an der der gebildete Christ Anteil nehmen wird, hoffen. Und eine litte
rarische Erscheinung, welche die Bedeutung des Christentums gegenüber dem wirklichen
Leben und seinen Problemen mit solchem Ernst und mit solcher Kraft zeigt, muß in
hohem Maße unser Interesse wachrufen. Dazu wollten diese Zeilen an ihrem Teile
beitragen helfen. Brüssau-Berlin.

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