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Zur Reform der Lehrerbildung.
Leitsätze, beteeffend die Organisation der Lehrerbildungs-Anstalten.
Von Prof. Dr. W. Rein, st
Einleitung.
I. Einer gründlichen Reform der Lehrerbildung stehen folgende Hindernisse
im Wege:
1. Die herrschenden politischen Parteien, Konservative und Centrum, sowie
die orthodox-kirchlichen Strömungen stehen heute noch wie früher der Hebung der
Lehrerbildung abweisend gegenüber, da sie fürchten, daß eine nach Umfang und
Inhalt gesteigerte Lehrerbildung den Zusammenhang des Lehrerstandes mit den
wirklichen Verhältnissen des Volkslebens zerreiße. Ihr Ideal liegt in der Ver
gangenheit.
2. Für eine gründliche Hebung der Ausbildung der Lehrer sind große Mittel
nötig. Es fragt sich, ob die Staatsleiter und die Volksvertreter gewillt sind,
sie zu bewilligen.
3. Der bestehende Lehrermangel läßt den Zweifel aufsteigen, ob der Zeit
punkt für eine tief greifende Reform der Lehrerbildung jetzt schon gekommen sei,
da erhöhte Anforderungen den Zugang zum Lehrerberuf erschweren.
II. Im Königreich Preußen ist eine Neuregelung der Lehrerbildung angeordnet
worden, die mit dem Jahre 1902 in Kraft treten wirdZ)
III. Der Neuordnung in Preußen gegenüber gilt es, die idealen Ziele der
Pädagogik zu betonen. An ihnen haben wir uns zu orientieren, um die rechten
Wege für die Weiterbildung zu gewinnen.
a) Grundlegung.
I. Es ist zu begrüßen, daß in den neuen preußischen Verordnungen die
grundsätzliche Trennung zwischen Allgemeiner und Berufsbildung, wie sie in
den allermeisten Berufszweigen seit langer Zeit schon Geltung besaß, scharf durch
geführt worden ist, während die,, Allgem. Bestimmungen" vom Jahre 1872 noch
die Verwischung der beiden Stücke in der Lehrerbildung eine Erbschaft der
,.preußischen Regulative" vertreten.
II. Die Trennung der beiden Stücke ist nicht so zu verstehen, daß der
Vorbereitungsanstalt auf das Seminar die Allgemeinbildung, dem Seminar aber
die Fachbildung ausschließlich überwiesen wäre, sondern ihr Sinn ist der, daß
Allgemeinbildung und Fachbildung spezifisch verschieden und darum getrennt von
einander entsprechend ihrer Eigenart zu behandeln sind. Damit ist die alte
..Seminarmethode," die ein auf den Volksschulunterricht beschränktes Wissen und
das dazu gehörige technisch-methodische Können verlangte, endgültig beseitigte.
st Aus dem XXXIV. Jahrbuch des Verüns f. wifi. Pädag. S. 49 ff.
2 ) Siehe Karl Muthesius. Die Lehrpläne für die Kgl. pr. Präparanden-Anstalten
und Lehrerseminare vom 1. Juli 1901 u. s. w. Gotha, Thienemann. Ferner: Pädagog.
Blätter 1901, Rr. 10: Würdigung der neuen pr. Lehrpläne u. s. w. von Karl Muthesius.
Ebenda.
3 ) Die Forderung der Trennung von Allgemein- und Fachbildung war von dem IV
Berliner Seminarlehrertag im September 1881 in den Leitsätzen aus Dörpfeld,
Horn und Rein in aller Schärfe erhoben, aber damals von den Vertretern der Schul
behörde mit aller Energie abgewiesen worden. Siehe Kehr, Päd. Blätter, X. Band
S. 302 f. und 582 f. Gotha, Thienemann.

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