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I. Abteilung. Abhandlungen.
Drittens folgert P., „daß jeder das und so viel lernen soll, als er sich
einerseits innerlich anzueignen, andrerseits in lebendigem Gebrauch zu verwerten
vermag." Er scheut sich nicht, die alte Wahrheit auszusprechen, daß man ebenso
wohl zu viel. als zu wenig lernen kann, und sagt: „Wer angehalten wird,
äußerlich aufzunehmen, was er innerlich nicht fassen kann, der wird dadurch auch
um die Kräfte gebracht, die ihm die Natur verliehen hat." Und weiter:
„Wertvoll ist nur der Besitz, den das Leben zu verwerten Gelegenheit giebt,
wobei dann natürlich nicht bloß an Verwertung zum Geldmachen zu denken ist;
wertvoll ist die Erkenntnis, die ihren' Besitzer einerseits in der Auffassung und
Lösung der praktischen Ausgaben fördert, wie sie das Leben im Beruf und in
der Familie, im Staat und in der Gesellschaft stellt, andererseits ihn zur Be
trachtung, zur Philosophie, aufgelegter und geschickter macht. Was unter den
gegebenen Umständen weder das eine noch das andere leistet, ist ihm weniger
wert als nichts. Was man nicht nützt, ist eine schwere Last." *)
Was P. in den Folgerungen von den Schularten sagt, muß ich leider
des Raumes wegen übergehen. Sehr wertvoll erscheint mir, daß er es aus
zusprechen wagt, daß die verschiedenen Schulen auch Standesschulen sind und
sein müssen.
Kurz referieren will ich noch über das, was er über Halbbildung sagt.
„In den höheren Schulen kann man überall sehen, wie junge Leute beiderlei
Geschlechts jahrelang zum Lernen von Dingen angehalten werden, für die sie
weder Neigung noch Begabung haben. Die Folge ist jene Erscheinung, die
neuerdings den Beobachtern unsers Lebens so viel zu schaffen macht: die Halb
bildung. Halbbildung, so werden wir sagen, ist eben das, was der gemeine
Sprachgebrauch Bildung nennt, das „alles gehabt haben", und „von allem mit-
!) Wenn bei Dörpseld die Rede auf die Lehrerbibliotheken kam, so pflegte er zu
betonen, ein Lehrer solle nur lesen, was ihn in der Ausübung seines Berufes zu för
dern vermöge. Dann: gute Bücher solle man nicht leihen, sondern kaufen; erst durch
den fortgehenden, oft wiederholten Gebrauch habe man von ihnen den rechten Nutzen.
Weiter noch ein sehr lehrreiches Stückchen. Ein mir befreundeter Pfarrer, ein
ebenso fleißiger, wie geschickter und nüchterner Seelsorger, kam öfter in das Haus eines
Bauern, den er wegen seiner biedern Art schätzte. Bei verschiedenen sich folgenden Be
suchen fand er den Mann sehr wenig zugänglich und hörte ihn Ideen äußern, die er
bei ihm nicht erwarten konnte, die den Bauern aber, wie er wohl merkte, aus dem
Geleise zu bringen drohten. Nach der Herkunft der Ideen befragt, erzählte der Bauer
dann von einem Erbauungsbuch, das er auf dem Boden einer alten Kiste gesunden habe.
Der Pfarrer sagte, daß er das merkwürdige alte Buch auch gern kennen lernen wolle.
Hoch erfreut über die Schätzung, die sein kostbares Buch auch bei dem Pfarrer fand,
erbot der Bauer sich gleich, am nächsten Tage den schweren Folianten ins Pfarrhaus
tragen zu lasten. Der Pfarrer erzählte mir dann: Nachdem ich in den wunderlichen
Mystiker hineingeschaut hatte, ließ ich ihn auf den Söller legen. Da liegt er noch; der
Bauer scheint ihn vergessen zu haben und ist wieder der alte verständige Mann.

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