Über volkstümliche Bildung.
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reden können". Sie entsteht überall da, wo ohne Rücksicht auf die Natur
anlage Bildungsstoffe aufgenötigt werden, die zu assimilieren die Natur sich
weigert."
Wie Bildung durch innerliche Verarbeitung und Assimilation, so entsteht
Halbbildung da, wo Stoffe bloß äußerlich aufgenommen werden. Die Halb
bildung ist nur ein Bildungsflitter, ein äußerlicher Putz, der nur Wert hat,
wenn ihn jemand sieht, und so macht die Halbbildung eitel und gefallsüchtig.
Da sie keinen innern Wert hat, sieht ihr Besitzer um so mehr auf äußere An
erkennung und verachtet die, die keine Bildung besitzen, und so macht sie hoch
mütig und brutal, herrisch und unduldsam. Was nicht den gleichen Fabrik
stempel trägt, wird geschmäht und verfolgt. Alles wirklich Ausgezeichnete und
Eigentümliche ist dem Halbgebildeten verhaßt. Originalität ist ihm Insolenz.
Endlich macht Halbbildung unzufrieden und unglücklich. Wie könnte auch einem
Wesen, das so zu sich selbst und seiner Umgebung steht, wohl in seiner
Haut sein?
Wahre Bildung ist von dem allen das Gegenteil. Sie meidet Schein und
Ostentation, denn sie hat kein Bedürfnis, von den Leuten gesehen zu werden.
Ein gutes Merkmal eines wirklich Gebildeten ist, daß er schweigen und hören
kann und sogar den Mut hat, etwas nicht zu wissen. Wahre Bildung ist
innerlich bescheiden, denn sie thut sich selber schwer genug und bläht sich nicht
mit dem, was andre nicht haben. Eben darum ist sie duldsam gegen die
Andersartigen; sie freut sich, wo sie einem Eigentümlichen begegnet, wenn es
echt ist, und hofft Bereicherung des eigenen Wesens von ihm. Endlich macht sie
reich, zufrieden und glücklich, sie ist ein Schatz, der, einmal erworben, nicht ver
loren gehen, noch an Wert verlieren kann, denn er hat keinen Marktwert.
Bevor wir nun an eine nähere Betrachtung der volkstümlichen Bildung,
des Gegenstandes unserer heutigen Besprechung, herangehen, wird es sich
empfehlen, daß wir uns des Unterschiedes erinnern, der sich zwischen der
landläufigen Meinung über Bildung und dem wahren Begriff derselben
findet und uns über die Bedeutung klar zu werden, die diese verschiedene Auf
fassung hat.
Nach der Zeitmeinung sind wir gewohnt von niederer und höherer, von
Volksschul-, Gymnasial-, akademischer, Töchterschul-, Pensions-, fremdsprachlicher,
mathematischer, naturwissenschaftlicher, moderner, klassischer, allgemeiner, Fachschul-,
geringer und vornehmer, Gelehrten-, Standes-, Berufs- und noch mancher an
deren Bildung zu sprechen. Besinnen wir uns, was mit diesen Bezeichnungen
gesagt sein soll, so muß uns zunächst eine höchst bedenkliche Verwechslung ent

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