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I. Abteilung. Abhandlungen.
gegentreten, eine Verwechslung der Mittel mit dem Objekte, das durch diese
Mittel soll erworben werden. So spricht man z. B. von Gymnasialbildung bei
jedem, der das Gymnasium besucht hat, vergißt aber die entscheidende Frage, ob
die gymnasialen Bildungsmittel auch bei ihm ihren Zweck erfüllt haben, d. h.
ob der Betreffende Befähigung, Lust und Fleiß besessen hat, die durch Unterricht
und Leben auf dem Gymnasium bezweckte Bildung sich wirklich zu erwerben.
Wenn Herbart recht hat, daß das Interesse Ziel des Unterrichts sein muß, so
haben alle Schulen wenig Veranlassung, sich der durch sie erworbenen Bildung
zu rühmen, und zwar naturgemäß die am wenigsten, deren Ziele die höchsten
sind. Nach dem Urteil Sachverständiger sollen nicht zehn Prozent der Gymnasial-
Abiturienten dem Schulzweck entsprechend in den Geist der Alten eingedrungen
sein und durch die Beschäftigung mit den griechischen und römischen Autoren alt
klassische Bildung sich erworben haben.
Zugleich tritt uns ein Zweites entgegen, daß nämlich die Zeitmeinung
Bildung nennt, was in Wahrheit Halbbildung ist. Seiner Volksschulbildung
wird sich wahrscheinlich nur der besonders rühmen, der es trotz seiner bescheidenen
Schulbildung besonders weit glaubt gebracht zu haben; dagegen werden die ihre
höhere Schulbildung in das rechte Licht gesetzt wünschen, die als Beleg für die
selbe wenig mehr als ihre Schulzeugnisse vorzuführen imstande sind. Man merkt,
warum Paulsen die verschiedene Bildung in engere und weitere, die Zeitmeinung
aber in niedere und höhere unterscheidet. Die sehr bescheidene Bildung des ge
ringen Mannes, der nur in seinem engen Kreise daheim ist, kann hoch über der
des Vornehmen stehen, der in der höchsten Gesellschaft sich zu bewegen weiß.
Nicht der Grad des Verständnisses, des Geschicks und der Treue, womit der
Einzelne seine Stelle im Leben auszufüllen weiß, bestimmt für die Zeitmeinung
die Höhe der Bildung, sondern der gesellschaftliche Rang, den die verschiedene
Bildung gewährt.
Es ist gewiß ein bedeutsamer Unterschied, ob jemand einen engen oder einen
weiten Kreis auszufüllen vermag, ob er als Hausvater seinem Hause wohl vor
zustehen, als Knecht eine dienende Stelle treu auszufüllen, oder wie ein Luther,
Kopernikus, Friedrich der Große, Bismarck, Krupp für weite Kreise neue Bahnen
eröffnen und nicht nur auf seine Zeit bestimmenden Einfluß auszuüben, sondern
über dieselbe hinauszuwirken vermag. Es ist durchaus in der Ordnung, daß in
dem Beamten das ihm anvertraute für mehr oder minder weite Kreise bedeutsame
Amt geehrt und ihm damit die gedeihliche Ausführung desselben ermöglicht
werde. Ebenso hat der Großindustrielle, der gesellschaftlich sonst Hochstehende
berechtigten Anspruch darauf, nach seiner Bedeutung für die Einzelnen wie für
das Gemeinwohl geachtet zu werden.
Nun ist es gewiß unrecht, wenn man bei hochstehenden Personen mensch
liche Schwächen nicht freundlich entschuldigen und tragen will, nicht minder unrecht

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