Über volkstümliche Bildung.
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aber ist es, Personen zu ehren, auch wenn sie die Pflichten ihres Amtes, ihrer
Lebensstellung mit Füßen treten. Beweisen sich der Knecht, die Magd, der be
scheidene Arbeiter und Fabrikarbeiter als gebildete Leute, d. h. als solche, die
ihre Lebensstellung verstehen und sie auszufüllen wissen, so haben sie bei jeder
mann mehr Anspruch auf Ehre als die Höchstgestellten, denen diese Bildung
abgeht. So weit einer gebildet ist, so weit ist er Mensch. In der Bildung
liegt seine Menschenwürde, seine Ehre. Wie Fr. Reuters Hawermann neben
den jüngern Gliedern der Familie v. Rambow so trefflich das Wesen wahrer
Bildung gegenüber der falschen darstellt, so zeigt er auch in bester Weise, was
die Anerkennung, und der Verlust der persönlichen Ehre für den Menschen
bedeutet.
Die menschliche Gesellschaft wird immer aus sehr verschiedenen Gliedern be
stehen, die sich vor eben so verschiedene Aufgaben gestellt sehen, vor die denkbar
einfachsten im kleinsten Kreise bis zu den kompliziertesten, die im Blick auf das
Ganze geschehen müssen, und der einfachen unscheinbaren wird immer die größte
Zahl sein. Der gesellschaftliche Organismus kann nur dann ein gesunder sein,
wenn jedes Glied die ihm zufallende Aufgabe möglichst voll und ganz erfüllt,
und dies kann es nur, wenn es mit immer neuer Freudigkeit an ihre Lösung
herangeht. Dörpfeld wußte, warum er in erster Linie ein zufriedener Lehrer
sein wollte; und wenn er für Abstellung von Übelständen in Schul- und Lehrer
verhältnissen und für einen gedeihlichen Fortschritt kämpfte, so galt dieser Kampf
der Gewinnung und Erhaltung der Zufriedenheit in unserm Stande.
Daß der moderne falsche Bildungsbegriff es den gesellschaftlich Höherstehenden
nahe legt, auf geringe Leute als auf minderwertige Wesen herabzusehen, daß er
antreibt, statt in erster Linie nach möglichst vollkommener Ausfüllung des durch
die Verhältnisse dem Einzelnen zugewiesenen Pflichtenkreises zu ringen, darnach zu
trachten, eine möglichst hohe gesellschaftliche Stellung einzunehmen, daß er, da
wohl keiner jemals so hoch gestiegen ist, als er zu steigen nach den Vor
spiegelungen seines thörichten Ehrgeizes sich berechtigt dünkt, in allen Ständen
und Berufen Mißbehagen und Unzufriedenheit hervorruft, daß er das Dichten
und Trachten der Menschen auf thörichte Eitelkeiten lenkt, statt ihr Sinnen und
Arbeiten auf Gewinnung und Darstellung bleibender Güter zu lenken: das
läßt ihn, den falschen Bildungsbegriff, als einen der gefährlichsten Erreger der
socialen Krankheit, ja als die Hauptursache desselben erscheinen. Er ist um so
gefährlicher, weil er mit einer uns allen anhaftenden bösen Art zusammenhängt,
ja aus derselben hervorgewachsen zu sein scheint. Nach dieser bösen Art ist nicht
das das Wichtigste für uns, was wir in Wahrheit sind, sondern das, wofür
wir von den Menschen gehalten werden; diesem eingebildeten Wesen gilt unser
Sorgen und Arbeiten; wir scheuen uns nicht, dieses Scheinwesen auf Kosten

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