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I. Abteilung. Abhandlungen.
unsers wahren Seins in die Höhe zu bringen. In eben so ergreifender wie
tiefsinniger Art hat der alte Blaise Pascal (1623—62) diese menschliche Eitel
keit geschildert?)
Wenden wir uns jetzt zu der Frage nach der volkstümlichen Bildung, d. h.
der Bildung, die unser Volk in seinen weitesten Kreisen aus dem Anschauen des
Natur- und Menschenlebens und aus der Bethätigung in demselben mehr oder
weniger unmittelbar erworben hat, so ist zunächst zu sagen, daß wir es nach
Paulsens Teilung hier mit der engsten Bildung zu thun haben, die in den
meisten Kreisen gar nicht als Bildung anerkannt zu werden pflegt, auf die viel
mehr unsre bildungsselige Zeit mit ebenso viel Verachtung als Unverstand her
abzusehen sich gewöhnt.
Ist es so ein gewisses Wagnis, sich als Freund und Verehrer der volks
tümlichen Bildung zu bekennen, so will ich es doch gleich hier aussprechen, daß
mir gerade diese bescheidenste Art der Bildung als die weitaus bedeutsamste er
scheint, und zwar zunächst für uns Volksschullehrer, aber nicht nur für uns.
Zunächst die Frage, wo sie zu finden und ihr Wesen zu erkennen ist.
Könnten wir uns mit Jakob Grimm zu der hessischen Märchenfrau setzen
und ihrer lebendigen Erzählung lauschen, könnten wir mit 'Nettelbeck über See
fahren und sehen, wie er sich als Kapitän des Schiffes gegen seine Mannschaft
benimmt, wie er in Lissabon seinem echt preußischen Herzen vor den Wachsfiguren
des Volkstheaters Luft macht, wie er dort vor andern Schiffsführern das Ver
trauen des Handelsherrn zu gewinnen weiß, wie er in seiner Vaterstadt Kolberg
trotz des Gouverneurs der Feste seine Mitbürger zu kräftigem Widerstand zu
begeistern, Schill und Gneisenau bestens zu unterstützen vermag, könnten wir uns
erzählen lassen, wie Hans Sachs zu seinen Dichtungen, Luther zu seiner origi
nalen und doch so volkstümlichen Sprache in seiner Bibelübersetzung, wie die
Meister unserer ersten klassischen Periode, die zum guten Teil weder lesen noch
schreiben konnten, zu ihren das Volk ergreifenden Dichtungen, wie alle Völker zu
den Sagen über ihren Ursprung gekommen sind, könnten wir lauschen, wie in
i) Nous ne nous contentons pas de la vie que nous avons en uous, et en
not re propre et re: nous voulons vivre dans l’idee des autres d’une vie imaginaire;
et nous nous efforgons pour cela de paraitre. Nous travaillons incessamment ä
embellir et conserver cet etre imaginaire et negligeons le veritable. Et si nous
avons ou la tranquillite, ou la generosite, ou la fidelite, nous nous empressons
de la faire savoir, afiu d’attacber ces vertus ä cet etre d’imagination: nous les
detacherions plutot de nous pour les y joindre, et nous ferions volontiers poltrons
pour acquerir la reputation d’etre vaillants. Grande marque de maux de notre
propre etre, de u’etre pas satisfaits de l’une sans l’autre, et de renoncer souvent
ä l’une pour l’autre. Car qui ne mourrait pour conserver son honueur, celui-lä
serait infame. (Pensees Cap. XXIV. Yanite de l’homme.)

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