Über volkstümliche Bildung.
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den Zunftstuben über die Probleme des Handwerks, der volkstümlichen Kunst
verhandelt wird, wie in sangesfrohen Kreisen zu den alten Volksliedern die
Melodien entstehen und hinausgetragen werden von einem Gau zum andern,
könnten wir den religiösen Unterweisungen folgen, die die Mütter, die Alten den
Kindern gaben in einer Zeit, da noch das lebendige Wort das einzige Mittel
war der Überlieferung: könnten wir dies, so hätten wir ebenso viele Stellen,
die uns volkstümliche Bildung zur Anschauung brächten und uns einlüden, ihrem
Wesen nachzuforschen. Nicht, als ob so ein Ganzes volkstümlicher Bildung zu
gewinnen wäre. Sie hat es,mit dem ganzen Leben zu thun, keine Seite ist
hier gleichgültig, und so haben wir zu untersuchen, welche Niederschläge aus den
gesamten sich ändernden und sich gleichbleibenden Lebensverhältnissen für den
Menschen sich ergeben haben. So gewiß es bei der Übereinstimmung in der
menschlichen Natur nicht anders sein kann, als daß die übereinstimmenden Be
obachtungen und Erfahrungen übereinstimmende Anschauungen, Gemütseindrücke
und Interessen hervorrufen mußten, um das Entsprechendste und Beste dann als
Gemeingut von Geschlecht zu Geschlecht zu vererben und dadurch um so sicherer
und ehrwürdiger erscheinen zu lassen, ebenso gewiß muß dieses Gemeingut
nach Zeit und Volk und innerhalb des Volkes nach den verschiedenen Kreisen
auf Grund der verschiedenen und in stetem Wandel begriffenen Lebensverhält
nisse ein verschiedenes sein.
Am deutlichsten werden wir die volkstümliche Bildung da erkennen, wo sie
vor dem Eindringen ihr fremder Elemente am meisten geschützt war und so die
Möglichkeit besaß, sich ungestört zu entwickeln und zur Darstellung zu kommen,
d. h. also in der Zeit, wo die Menschen ruhig auf ihrer Stätte saßen, nicht
durch bequeme Verkehrsmittel durcheinander gewürfelt wurden, vor allem nicht
die Kenntnis der Schrift besaßen, die neben anderm auch die Folge hat, daß den
lesenden Menschen geistige Bildungsstoffe zugeführt werden, die weniger geeignet
sind, ihn in seinem Sein und Wesen zu festigen und zu fördern, als ihn zu
verwirren und zu schädigen.
Es ist etwas Eigenes um den menschlichen Fortschritt. Wir fühlen in den
alten Verhältnissen einen Druck, wir sehen ein Idealeres, das ihm abzuhelfen
verspricht, und freuen uns seiner Verwirklichung, froh, den alten Druck los zu
sein, aber ohne zu fragen, was wir aus den alten Verhältnissen hätten mit hin
übernehmen sollen.
Wir freuen uns mit Recht, daß der Analphabeten mit jedem Jahrzehnt
weniger geworden und sie fast aus unserm Volk verschwunden sind; wir denken
dabei an die große Bedeutung, die die Schrift hat, den Verkehr unter den
Menschen zu fördern und es jedem zu ermöglichen, zu lernen und zu verwerten,
was die Meister auch für ihn entdeckt und erarbeitet, und zu genießen, was die
Künstler auch für ihn Schönes geschaffen haben; wir denken daran, daß die

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