238 I. Abteilung. Abhandlungen.
Lektüre das bequemste Mittel ist, einen wertvollen dauernden Verkehr zu
schaffen.
Der weise Sokrates war nach seinem Gespräch mit Phädros nach Platos
Bericht sehr wenig erfreut über die Erfindung der Buchstabenschrift. Die Schrift
schwäche das Gedächtnis, täusche mit dem Wort über die Sache, führe zur Über
ladung mit unfruchtbarem Wissen; obgleich sie nur erinnern könne, die Dinge'
müssen lehren, so erfülle sie doch die ihr Beflissenen mit dem eitlen Wahn des
Besitzes. Das gesprochene Wort könne sich dem Verständnis, der Eigenart des
Hörers anpassen; der Redende vermöge durch rechte Teilung und Beschränkung
das Verständnis zu erleichtern, Aufschluß zu geben über Nichtverstandenes.
Es ist etwas ebenso Großes wie Geheimnisvolles um das lebendige, das
gesprochene Wort. Die ganze Persönlichkeit steht dahinter, und es ist, als ob
der Geist des Sprechenden sich mit dem Wort verbinde und mit hinüberwirke
auf den Hörer. Abgesehen von dieser Mitwirkung der Persönlichkeit des Spre
chenden ist das geschriebene Wort viel zu stark durch die Filter der Reflexion
gegangen und ermangelt zu sehr der Unmittelbarkeit, als daß es eine gleiche
Wirkung haben könnte.
Freuen wir uns also mit Recht der Abnahme der Analphabeten in unserm
Volk und des daher fließenden Gewinnes, so dürfen wir doch auch nicht ver
gessen, daß neben den segensreichen Folgen der Schriftkenntnis auch sehr bedenk
liche vorhanden sind, denen so weit als möglich vorzubeugen wir uns verpflichtet
fühlen müssen.
Daß wir volkstümliche Bildung mit ihren Licht- und Schattenseiten da am
ungetrübtesten flnden, wo die Kenntnis der Schrift und der lebhafte Verkehr sie
nicht hat trüben können, ist eben so leicht erklärlich, als daß wi' sie jetzt nur da
annähernd rein finden, wo ihre Träger es verstehen, die Förderungen durch
Schrift und Verkehr sich zu nutze zu machen, ohne die bedenklichen Einflüsse der
selben zerstörend auf sich wirken zu lassen.
Es würde ein unmögliches Unternehmen sein, wollte ich den Versuch machen,
ein Bild der volkstümlichen Bildung zu entwerfen, unmöglich deshalb, weil nicht
nur die ausreichenden Vorarbeiten fehlen, sondern auch das bescheidenste Bild,
das sich herstellen ließe, für einen Vortrag viel zu umfangreich werden müßte,
wollen doch die verschiedensten Seiten des Lebens dabei berücksichtigt sein. Die
volkstümliche Bildung zeigt sich darin, wie das Kind bei der Geburt empfangen,
wie es getauft, in den verschiedenen Lebensaltern gehalten, zur Schule, zum
Pfarrer und in die Kirche geschickt wird, wie es sich mit andern Kindern ver
gnügt, welche Kinder- und Spiellieder es singt, was ihm erzählt, mit ihm ge
sungen und besprochen wird und von wem, wie es zu kleinen Arbeiten an
gehalten und gewöhnt wird und zu welchen, wie seine Sinne geübt werden und
wofür man ein besonderes Interesse in ihm zu wecken sich bemüht, wie die her

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