Über volkstümliche Bildung.
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Es spottet mancher in loser Gesellschaft über Dinge, vor denen er, sobald er
wieder für sich ist, die höchste Ehrfurcht besitzt und von denen er nicht los kann.
In jedes Menschen Brust wohnt mehr als ein Mensch. die je nach Gelegenheit
hervortreten, von denen aber nur einer dem wirklichen Sein entspricht. Wie
durch den Einfluß des Windes und der Ufer an der Oberfläche des Wassers die
Wellen allerlei Spiel treiben, während der Hauptstrom ruhig seinen Weg zieht,
so kommt auch bei den Menschen in dem Getriebe des Lebens allerlei zur Er
scheinung, das seiner wahren Gesinnung und Anschauung oft wenig entspricht.
Zweitens findet sich doch auch in der Jndustriebevölkerung mehr Überein
stimmendes in den Lebensanschauungen, als dies auf den ersten Blick scheint.
Rade erwähnt ein Vierfaches: Die hohe Wertschätzung Christi, den Sinn für
Gerechtigkeit und Nächstenliebe, das Dringen auf Thun im Gegensatz zum Reden
von der christlichen Moral und (wenigstens bei manchem) die Verbindung des
Christlichen mit ihrer Arbeiterüberzeugung. Die Arbeiter befinden sich vielfach
in einer Kampfesstellung, und da ist es nicht zu verwundern, daß man besonders
das auf den Kampf Bezügliche an ihnen sieht; zu ruhiger Zeit würde man
vielleicht dieselben Leute kaum wieder erkennen.
Wer als Lehrer oder sonstwie unter dem Volke, auch unter der Jndustrie
bevölkerung zu arbeiten hat, der darf trotz aller Enttäuschungen unter keinen
Umständen das Vertrauen zu der vorhandenen bessern Grundströmung im
Menschen verlieren. Wie der Arzt bei leiblichen Erkrankungen sich der gesunden
Kräfte des Gesamtorganismus getröstet zur Überwindung der Krankheit, zur
Ausscheidung des Fremden, Störenden, so soll man gewiß so viel als möglich
alles Unbillige, Störende aus dem Gesellschastsorganismus ausscheiden, darf aber
nie vergessen, daß die Gesundheit desselben nur von innen heraus bewirkt und
erhalten werden kann, dadurch, daß die im Menschen vorhandene Grundströmung
die herrschende und ausschlaggebende werde.
Es könnte scheinen, als ob zwischen der volkstümlichen und weiteren Bildung
nur ein Größenunterschied vorhanden sei, wie zwischen einem Engeren und
Weiteren, einem Kleineren und Größeren, einem Wenig und Mehr.
Allerdings ist dieser quantitative Unterschied vorhanden. Man kann sich in
volkstümlicher Weise in den Reichtum unserer Flora, in die Abhängigkeit der
Pflanzen von ihrem Standort, überhaupt in ihr Leben vertiefen; die Möglichkeit
aber, den Reichtum der Pflanzenwelt an Familien, Geschlechtern und Arten zu
erkennen, gewährt nur die systematische Botanik, wie die Physiologie die Vor
bedingung ist, ohne die ein eingehendes Verständnis des Pflanzenlebens sich nicht
erwerben läßt. Ähnlich enthält die volkstümliche Bildung ein reiches Verständnis
der Raum- und Zahlengrößen; aber auch hier ist das Gebiet fest beschränkt,

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