Über volkstümliche Bildung.
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Es giebt wohl kaum auf dem Lande ein Haus, das nicht in seiner Um
gebung oder an seinen Fenstern einen Blumenschmuck zeigte. Der höher Ge
schulte liebt es, die schönen Pflanzen mit ihrem lateinischen Namen zu bezeichnen,
der Volksmund wählt charakteristische Eigenschaften für die Bildung des Namens
oder sucht den lateinischen seinem Idiom entsprechend umzubilden. So heißt bei
uns der Gundermann „Kiek dör den Tun", das Zittergras „Bewerkes", die
Hahnenfußarten heißen „Butterblumen". Plinius erzählt, daß die italienischen
Schiffer die Westküste der Balkanhalbinsel nach dem die dortigen Felswände be
deckenden Goldlack, der damals viola hieß, Violarien genannt haben. Unsere
Leute nennen den Goldlack „Murviölken" (Mauerveilchen), ein Name, der ebenso
deutlich seine Herkunft wie das Bestreben des Volkes zur Verdeutschung zeigt.
Mächtig hat der Gedanke an Nutzen und Schaden der Naturkörper das
volkstümliche Interesse in Bewegung zu setzen vermocht. Es ist erstaunlich, mit
welcher Sicherheit die Hausfrauen in ihrem Gemüsegarten die keimenden Kräuter
zu unterscheiden, und die armen Frauen, die sich für ihre Ziege und ihr Schwein
das Unkraut aus den Getreidefeldern auszuraufen pflegen, die verschiedenen Arten
zu erkennen wissen.
Sehr eng hängt mit der Unmittelbarkeit der volkstümlichen Bildung die
hohe Wertschätzung zusammen, deren sie sich bei ihren Besitzern erfreut, wie dann
aus dieser Wertschätzung wieder die Zähigkeit sich ergiebt, mit der sie behauptet
zu werden pflegt, und die Triebkraft, die zu ihrer Weiter- und Fortbildung in
ihr liegt.
Es ist oft von Volkskennern ausgesprochen worden, daß die schlichten Leute
ebenso gering von ihrer Bildung wie hoch von der der studierten Leute dächten.
Es ist dies richtig, wenn man die Schätzung statt eine geringe eine bescheidene
nennt, mit der sich die Höhe der Schätzung und die zähe Behauptung sehr wohl
verträgt.
Wie wir mit der Muttersprache, ohne es zu merken, feste Normen unsers
Denkens und Empfindens überkommen, so haben wir in der volkstümlichen
Bildung eine Welt- und Lebensauffasiung, die uns ebenso unbemerkt wie mächtig
bestimmt, weil sie unmittelbar aus dem Leben von Generationen herausgewachsen
ist und wesentlich nur das enthält, was sich in diesem Leben als wertvoll er
wiesen hat. Durch Professor Dörpfeld wissen wir, wie viel in dem Leben der
heutigen Griechen noch ist, wie es in den Tagen Homers war. Pastor Schneller
hat uns erzählt, wie viel wir aus dem jetzigen Leben in Palästina für das
Verständnis der Evangelien lernen können. Der thüringische Pfarrer, der jahr
zehntelang Glaube und Sitte seiner Gemeinde zu erforschen sich bemüht hat, hat
uns berichtet, wie fest die Bauern auch dort an dem Ererbten halten und wie
wenig Eindruck das Abweichende auf sie macht. Von verschiedenen streng lutherisch
oder reformiert gerichteten Gemeinden, die längere Zeit anders gerichtete Pfarrer
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