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I. Abteilung. Abhandlungen.
gehabt hatten, weiß ich, wie sie aufatmeten, als sie einmal wieder eine ihrer
Konfession entsprechende Predigt hörten
Wer wirklich gute volkstümliche Bildung besitzt, der hat auch, wenn nicht
eine klare Einsicht, so doch ein instinktives Gefühl dafür, welchen Schatz er in
derselben sein nennt.
Wie die Muttersprache für uns denkt und wir ihr nur zartfühlend in
unserm Denken nachzugehen brauchen, so bietet dem schlichten Mann seine volks
tümliche Bildung das sichere Geleise, in dem sein Leben ruhig und fest dahin
geht. Haltlos wird er, sobald er das sichere Geleise verliert, an seiner Bildung
irre oder über sie hinausgehoben wird. Reuter hat in humorvoller Weise in
Groterjahn und Pomuchelskopp die unglücklichen, aus ihrem Geleise gehobenen
Mecklenburger Fetthammel gemalt; wir alle kennen den großen Unterschied
zwischen dem spaßhaften Bild des sogenannten Herrenbauern, der an Bildung
und Vornehmheit krank liegt, und dem herzerfreuenden und Respekt erweckenden
Aussehen des echten Großbauern.
Wie ausbildungsfähig die volkstümliche Bildung ist, wie sorgfältig aber
dabei auch die Grenzen inne gehalten sein wollen, zeigt in sehr lehrreicher Weise
die Geschichte mancher Vereine.
Ein wie hoch ausgebildetes Verständnis für unsere • klassische Litteratur,
namentlich für Shakespeare, sich der litterarische Verein an der Meisenburg zu
erwerben gewußt hat, ist Ihnen allen bekannt. 1859 wurde der Verein ge
gründet, fast 20 Jahre ist sein Gründer und erster Pfleger tot, ebenso lange
steht er unter der trefflichen Leitung eines schlichten Landmannes, und noch immer
kommen seine Glieder mit dem alten, immer neuen Interesse. Der Verein wäre
längst nicht mehr, wenn er nicht stets so sorgfältig über die Unversehrtheit der
Wurzeln seiner Kraft gewacht hätte. Wohl nie hat der Verein Anlaß gegeben,
daß seine Mitglieder es mit der Erfüllung ihrer Pflichten in Beruf und Ge
meinde weniger sorgsam nähmen; stets aber ist er ein beredter Mahner gewesen,
es ernst zu nehmen mit den Pflichten in dem engsten wie weitesten Kreise. Wenn
wohl Leute um die Mitgliedschaft sich bemühten, die ethisch fragliche Litteratur-
produkte einzuführen gedachten oder durch ihre Lebenshaltung, z. B. durch Trinken,
gegen gut bäuerliche Sitte verstießen, so wurde ihnen in der unzweideutigsten
Weise kundgegeben, daß sie in den Verein nicht gehörten. Wer in dem Verein
etwas gelten will, muß durch sein ganzes Leben beweisen, daß er es verdient.
Wenn andre Vereine sich nicht so glücklich entwickelten, so hatte das für
gewöhnlich in dem ungenügenden Fundament oder darin seinen Grund, daß man
sich nicht in den rechten Grenzen zu bewegen wußte.
Klingenburgs litterarischer Verein ist aus dem in den bestimmenden Kreisen
der Gemeinde lebhaft gefühlten Bedürfnis hervorgewachsen, der schulentwachsenen
männlichen Jugend zu deren Bewahrung und Weiterbildung etwas Wertvolles

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